|
| Der Landkreis Marienwerder / Westpr.
Im Jahre 1285 bestimmte der Bischof Marienwerder zum Sitz eines Domkapitels; die etwa 1264/1284 erbaute Pfarrkirche wurde zum Dom erhoben; von ihr ist nur noch die Südvorhalle erhalten geblieben. Das Domkapitel, das sich aus zwölf Domherren zusammensetzte, die zum Teil Ordensbrüder waren, errichtete zu seiner Behausung ab etwa 1322 auf dem bisherigen Kirchhof eine vierflügelige Burg mit einem fast quadratischen Binnenhof, mit Wehrgängen und kräftig betonten Ecktürmen. Eine Kapelle fehlte, weil der Gottesdienst im fast gleichzeitig erbauten Dom abgehalten wurde. Dem Westflügel ist der Danzkerturm (Abortanlage) mit hohem, langem Verbindungsgang auf fünf Bögen weit in die Niederung vorgeschoben. Der südöstliche zinnengeschmückte, 50 m hohe Eckturm diente als Bergfried und als Glockenturm des unmittelbar an die Burg anschließenden Domes. Er bildet den künstlerischen Mittelpunkt der „188 m langen, charaktervoll gegliederten Baugruppe" (Dom, Burg, Danzker) und zusammen mit. dem Danzker das Wahrzeichen der Stadt Marienwerder. Der Bau des Doms wurde 1344/1355 durchgeführt, der zweigeschossige Chor war schon etwa 1325 begonnen worden. Die Krypta (Unterkirche) diente als Gruft; in ihr ist u. a. der 1330 ermordete Hochmeister Werner von Orseln beigesetzt. Im Innern des Doms wurden 1862 unter den Fenstern der Seitenschiffe Wandgemälde vom Ende des 14. Jahrhunderts aufgedeckt. erneuert und 1931/1934 instand gesetzt. Der prächtige Bischofsstuhl mit spätgotischem Schnitzwerk ist nach 1500 von Bischof Hiob von Dobeneck gestiftet worden. Neben dem barocken Hauptaltar von etwa 1690/1695 steht der kostbare Reliquienschrein der Klausnerin Dorothea von Montau, sie starb 1394 in Marienwerder; er ist vom Bischof Johannes I. (1378/1409) gestiftet worden. Die Kapelle an der Nordwand hat sich Otto Friedrich von der Groeben (+ Marienwerder 1728) erbauen lassen. Er ist der Gründer der ersten kurbrandenburgischen Kolonie an der Goldküste in Afrika; er war seit 1689 Amtshauptmann in Marienwerder und Erbherr auf dem südöstlich der Stadt gelegenen Gut Neudörfchen, das von 1701-1945 im Besitz der Familie (zuletzt Graf van der Groeben) gewesen ist. Nach dem Tode des ev. Bischofs Paul Speratus (+ Marienwerder 1551), der auch als Kirchenliederdichter bekannt ist, wurde das Schloß Sitz der Amtshauptleute. Im Jahre 1709 waren in ihm König Friedrich I. und der Zar Peter I. zusammengekommen. Neben dem Domänenamt beherbergte das Schloß ab 1772 die „Regierung" (die westpreußische oberste Gerichtsbehörde) und die Kriegs- und Domänenkammer (im 19. Jahrhundert Regierung genannt) Westpreußens. 1798 wurden der Süd- und der Ostflügel des Schlosses abgebrochen und die Ziegel für den Bau des Oberlandesgerichts im klassizistischen Stil verwendet. 1935 wurde das Amtsgericht aus dem Schlosse verlegt, und 1936 zog in das umgebaute Schloß die Reichsführerschule der Hitlerjugend ein.
Nördlich der Ordens- bzw. Bischofsburg gründete der Landmeister Hermann Balk 1233 die Stadt Marienwerder. Sie war durch eine Schlucht von der Burg getrennt. Der Stadtgrundriß bildete ursprünglich ein unregelmäßiges Fünfeck, dessen Breitseite am abfallenden Steilhang zur Niederung, die schmalste Seite im Osten lag. Auf dem rechteckigen Marktplatz inmitten der planmäßig angelegten Siedlung stand das Rathaus, das gleichzeitig „Kaufhaus" (schon 1336) war. Von ihm blieb nur der sechs Meter hohe Turm - eine Besonderheit in Städten des Ordenslandes - erhalten; der übrige Bau wurde 1878/1880 neu errichtet. Bereits 1336 bestand in der vorgelagerten Niederung die Vorstadt Podelitze, die Altstadt war von einer Mauer nebst Türmen und Toren umgeben. Später kamen weitere Vorstädte hinzu. Die Stadt und die Burgen (des Bischofs und des Domkapitels) wurden in den Kriegen mit Polen in den Jahren 1410 und 1460 wenig beschädigt, dafür erlitten sie 1478/1479 und 1520 größere Brandschatzungen und Zerstörungen. 1529 erlagen mehrere Bewohner, auch der Bischof von Queiß, dem „Englischen Schweiß"; 1597, 1659, 1710 wütete die Pest und forderte zahlreiche Opfer. 1628 eroberte König Gustav Adolf die Stadt, aber 1658/1659 verteidigten sie die Bürger erfolgreich. Im Siebenjährigen Kriege war Marienwerder von den Russen, 1807 von den Franzosen besetzt. 1812 war sie Hauptdurchgangsort für die französischen Truppen nach Rußland. Das wirtschaftliche Leben der Stadt beruhte auf einem ausgedehnten Binnenhandel und seinen Märkten. Bereits in der Ordenszeit bestand an der Weichsel eine Kaianlage, von wo aus die Bürger Tuche, Getreide, Bier, Teer, Schlachtvieh verschifften und Eisen und Heringe einführten. Neben dem Handel betrieben die Bewohner Ackerbau und Gewerbe. Seit 1629 war die Stadt Durchgangsort der Hauptpoststraße von Berlin nach Königsberg. Von 1656 bis 1807 und von 1879 bis 1919 hatte Marienwerder eine Garnison, 1897/1919 auch eine Unteroffizierschule. Den Verkehr über die Weichsel vollzog eine Fähre bzw. eine Schiffbrücke. Von 1909 bis 1927 bestand die Weichselbrücke zwischen Klein Grabau und Münsterwalde. Als Westpreußen 1772 wieder preußisch wurde, machte Friedrich der Große Marienwerder zur Hauptstadt der neuen Provinz; ihr erster Präsident war Johann Friedrich von Domhardt bis 1781. Von 1773-1786 bestand in der Stadt eine Filiale des Königsberger Hofbuchdruckers und Buchhändlers Johann Jakob Kanter. 1795/1823 wirkte in Marienwerder Theodor Gottlieb von Hippel d. Jg., zuletzt als Regierungspräsident; er ist der Verfasser des „Aufruf an mein Volk" vom 17. März 1813 und ein Jugendfreund E. T. A. Hoffmanns. Das Wirtschaftsleben der Stadt gewann nach dem Bau der Weichselbrücken und nach dem Eisenbahnanschluß nach Marienburg-Elbing (1883), nach Riesenburg und Freystadt und der Kleinbahnen in die Niederung (1901). In jüngster Zeit hatte Marienwerder ein Landgestüt, Seifen-, Essig-, Möbel- und Maschinenfabriken, Mühlen, Säge- und Tonwerke. Bei der Volksabstimmung, am 11. Juli 1920 stimmten im Regierungsbezirk Westpreußen 92,5 v. H., in der Stadt Marienwerder 95,6 v. H. für Deutschland. Bereits im Jahre 1331 bestand in der Stadt eine Kapitelschule, aus der die Stadtschule und später das Gymnasium hervorgegangen sind; von 1869 bis 1882 leitete es der als Geschichtsforscher bekannte Max Töppen. Die im 17. Jahrhundert bestehende Mädchenschule wurde zum Lyzeum. Daneben gab es Volks-, Mittel- und Fachschulen. 1939 hatte Marienwerder 20.500 meist ev. Einwohner; eine katholische Kirche besteht seit 1858. Im Kriegsjahr 1945 erlitten Schloß und Stadt nur geringen Schaden; sie „wurden aber grauenhaft geplündert". 1946 vernichteten die Polen die Stadt, die Altstadt mit den alten Laubengängen an der Westseite des Marktes ging in Flammen auf. Das Baumaterial, selbst das Straßenpflaster wurden zum Wiederaufbau nach Warschau geschafft.
Die Stadt Garnsee ist auf einem schmalen Landrücken zwischen dem Brauhaussee und dem Krautsee nördlich des in den dreißiger Jahren eingemeindeten Garnseedorfs vom Bischof von Pomesanien etwa 1328 gegründet worden; sie erhielt 1334 ihre Handfeste zu kulmischem Recht. Das 1323 erstmals genannte Dorf ist aus einer prußischen Siedlung (1285 Garzanum) hervorgegangen. Der Stadtschulze war im 14. Jahrhundert gleichzeitig Schulze des Dorfs Garnsee, später hatte es einen eigenen Schulzen. Als die gesamte Stadt 1554 durch einen großen Brand zerstört und wüst geworden war, wurde sie 1559 neu gegründet. Der Grundriß zeigt ein langgestrecktes, unregelmäßiges Fünfeck. Mitten durch die Stadt verläuft die Hauptstraße, die sich nach Süden zum Markt verbreitert, wo auch die 1338 erwähnte Kirche steht. Sie wurde 1729/1731 erneuert. Das Rathaus war 1595 neu erbaut worden, es brannte 1877 mit 47 Wohngebäuden ab. Im 17. Jahrhundert lief über Garnsee die Land- und Poststraße von Riesenburg über Marienwerder nach Graudenz. Im 18. Jahrhundert war Garnsee Garnisonstadt. Die Bewohner trieben Ackerbau, Bierbrauerei und Gewerbe. Obgleich bei der Volksabstimmung 797 Stimmen für Deutschland und nur 18 für Polen abgegeben worden waren, wurde die Grenze 1920 so nahe an der Stadt vorbeigezogen, daß der Bahnhof an Polen fiel. Die Stadt erhielt dann 1927 einen neuen, 2 1/2 km von ihr gelegenen Bahnhof. In den dreißiger Jahren wurden die beiden Seen abgelassen, um Ländereien zu gewinnen. Trotz des Eisenbahnanschlusses blieb Garnsee, vor allem wegen seiner Grenzlage, klein und unbedeutend. Es hatte 1939 1.076, 1943 2.196 meist ev. Einwohner. In Kurzebrack befindet sich am Weichselufer der älteste Pegel, „an dem seit 1809 regelmäßig der Wasserstand des Stromes beobachtet worden ist". 1840/1842 entstand der Hafen, der vor allem der Stadt Marienwerder zugute kam. Obwohl 1920 bei der Volksabstimmung 441 Stimmen für Deutschland und nur elf für Polen abgegeben wurden, mußte Kurzebrack neben dem Brückenkopf von Grabau mit Polder und einigen Kämpen an Polen abgetreten werden. Die 1906/1909 erbaute Weichselbrücke wurde 1928/1930 von den Polen abgetragen. - Die fruchtbare Marienwerder Niederung wird seit Jahrhunderten von Dämmen gegen die Weichsel geschützt, trotzdem hat sie infolge von Deichbrüchen mehrfach unter überschwemmungen gelitten. In der Niederung wurden neben Getreide vor allem Zuckerrüben und Tabak angebaut und Obstbau getrieben. Das Kirchdorf Nebrau, das einzige in der Niederung, war durch seinen Pflaumenreichtum bekannt. Recht ansehnlich waren auch Pferde- und Rindviehzucht. Das Landgestüt Liebenthal förderte die Warmblutzucht. - Das östlich Marienwerder gelegene Kirchdorf Großkrebs hat eine aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammende Kirche, ihr Turm steht, „von allen Landesgewohnheiten abweichend", im Osten. - Das 1.752 ha große Gut Kloetzen des Freiherrn von Rosenberg war durch sein im Herrenhaus vorhandenes reichhaltiges Mobiliar altererbter Möbel und Familienbilder bekannt. Patenschaftsträger für den Landkreis und die Stadt Marienwerder ist die Stadt Celle. |
|