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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Hermann Sudermann

"Menschen unterwegs - das Beispiel Ostpreußen"

Die Ausstellung will den Wandel der Sprachen und Völker in Ostpreußen darstellen. Sie setzt bei den ersten uns bekannten Bewohnern, den Prußen, ein (die Prußen gaben Preußen und damit auch Ostpreußen ihren Namen) und endet bei der derzeitigen Situation. Heute siedeln Polen und wenige Deutsche im Süden. Russen und neuerdings auch Deutsche leben im Gebiet von Königsberg, Litauer und einige Deutsche im Memelland.

I. Geschichte

1. Die Prußen

Die Prußen gehörten zu den Balten, einem Zweig der indogermanischen Sprachenfamilie. Zu den Balten zählen heute noch die Litauer und die Letten. Die Prußen waren in zahlreichen kleinen Stämmen organisiert. Ihre Gesamtzahl um 1200 wird auf 170.000 geschätzt. Sie waren kleine, freie Bauern und hatten eine adlige Oberschicht. Ihr zentrales Heiligtum war im Hain Romowe in der Landschaft Nadrauen (der genaue Ort ist nicht bekannt). Erhalten sind neben ihren Wallanlagen einige Idole, die von den Polen zum Beispiel im Hof des Allensteiner Schlosses aufgestellt wurden.

In Zusammenhang mit der Ermordung des HI. Adalbert im Samland 997 wurden die Prußen zuerst näher beschrieben. Ihre Christianisierung begann mit der Eroberung durch den Deutschen Orden 1230/31. Im Frieden von Christburg 1249 versprachen sie die Annahme des Christentums, das Ende der heidnischen Bräuche und den Bau von 22 Kirchen. Alle bekehrten Prußen wurden als persönlich frei angesehen. Eine heidnische Reaktion erfolgte 1260 mit dem großen Aufstand unter Herkus Monte, der in den 1280er Jahren zu Ende ging.

Die prußische Oberschicht stieg in den preußischen Adel auf (Bronsat, Kalnein, Perbandt, Saucken, Manstein). Die Prußen durften nicht in deutschen Städten leben, sondern blieben Landbevölkerung. Man nimmt für das Jahr 1400 an, daß im späteren Ostpreußen neben 190.000 Deutschen 140.000 Prußen lebten. Ihre Verbindung zu den Deutschen wurde auch durch Dolmetscher vor Gericht und im Gottesdienst, dem sogenannten Tolken, hergestellt. Um 1350 wird uns das erste prußisch-deutsche Wörterverzeichnis überliefert. Das wichtigste Sprachdenkmal der prußischen Sprache verdanken wir der Reformation. Herzog Albrecht von Prußen aus dem Hause Brandenburg-Ansbach ließ 1545 und 1561 Martin Luthers kleinen Katechismus in die prußische Sprache übersetzen.

Luthers Tochter Margarethe heiratete den ostpreußischen Junker von Kuenheim und lebte mit ihm in Mühlhausen bei Preußisch Eylau. Sie schrieb an ihren Vater, daß ihre Bauern neben den christlichen Gottesdiensten auch heidnische Götzendienste in den Wäldern besuchten. Die prußische Sprache ist friedlich um 1700 erloschen. Sie wurde nicht unterdrückt.

2. Die Deutschen

Die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters prägt Ostpreußen stärker als alle anderen Entwicklungen.

Die Ordensritter kamen im 13. Jahrhundert meist aus Thüringen und Sachsen, später aus dem Rheinland. Seit dem späten 14. Jahrhundert überwogen bei ihnen die Ostdeutschen. Aus den eingewanderten deutschen Bauern und Bürgern, die meistens aus den niederdeutschen Bereich stammten, von denen aber auch ein Teil aus Schlesien zuwanderte (Allenstein, Osterode, Hohenstein), entwickelte sich in der Mitte des 15. Jahrhunderts der Neustamm der Ostpreußen. In Ostpreußen wurde bis zur Vertreibung neben dem niederdeutsch bestimmten niederpreußisch, im Ermland um Allenstein und im Oberland hochpreußisch gesprochen (bezeichnenderweise von den Ostpreußen auch breslauisch genannt). Die Einwanderung begann an der Weichsel und erstreckte sich dann zunächst auf den Raum zwischen Elbing und Königsberg entlang des Frischen Haffes. Die Ostsiedlung versiegte im 14. Jahrhundert. Rechtlich war entscheidend, daß 1251 die Kulmer Handfeste erlassen wurde; sie ermöglichte ein freies Bauerntum. Ab 1280 hatte sich die deutsche Siedlung endgültig durchgesetzt. Später entstand ein Gegensatz zwischen dem Ritterorden und den deutschen Ostpreußen. Zahlenmäßig und wirtschaftlich, sozial und kulturell, wurden die Deutschen von etwa 1280 bis zur Vertreibung prägend und führend. Bis 1410 wurden 93 Städte und 1.500 Dörfer vom Orden gegründet. Die Prußen kannten keine Städte.

3. Die Masowier

Das dünnbesiedelte Land zwischen dem Kerngebiet der Prußen und Litauen wurde vom Orden systematisch entvölkert, um als breiten Grenzsaum eine "Wildnis" zwischen dem Ordensland um dem heidnischen Litauen anzulegen. Nachdem die Litauer sich 1386 zum Christentum bekannten, begann die Besiedlung der "Wildnis". Im Frieden vom Melnosee 1422 wurde das Gebiet zwischen dem Orden und Polen/Litauen aufgeteilt und die Grenze endgültig festgelegt (erste genaue Grenzbeschreibung und Markierung im Gelände, von der wir wissen). Damals entstand aus dem polnischen Wort "granica" das Deutsche Lehnwort "Grenze". Die Mehrzahl der Ansiedler in der "Wildnis" kam aus der benachbarten polnischen Landschaft Masowien (Warschau liegt in Masowien). Sie brachten ihre polnische Sprache mit, die sich in diesem Gebiet durchsetzte. Sie verließen das stark bevölkerte Masowien auch, um dem harten Druck des polnischen Adels und der Leibeigenschaft zu entgehen. Die meisten von ihnen wurden nach Kulmer Recht vom Orden und später von den Herzögen als freie Bauern angesiedelt. Nach polnischen Schätzungen lebten Anfang des 15. Jahrhunderts im späteren Ost- und Westpreußen neben 200.000 Deutschen und 140.000 Prußen 140.000 Polen und Kaschuben (dabei handelt es sich nicht nur um Masowier, sondern auch um Polen im Kulmer Land und westlich davon).

Die Einwanderung der Masowier endete im 16. Jahrhundert. Sie wurden stark von der Reformation Martin Luthers geprägt und unterschieden sich von ihren polnischen Nachbarn durch ihr evangelisch-lutherisches Bekenntnis, sowie bald auch durch ihre preußische Staatsgesinnung und Königstreue. Es war selbstverständlich, daß die Seelsorge für diese Menschen in polnisch-masurischer Sprache stattfand. Die Umgebung der Stadt Allenstein war bis ins 19. Jahrhundert Ziel einer kleinen polnisch-katholischen Einwanderung. Gerade im 19. Jahrhundert setzten sich evangelische Geistliche wie Mongrovius und Gisevius für den Gottesdienst in masurischer Sprache ein. Unter uns leben noch alte Pfarrer, die Gottesdienste in masurisch gehalten haben. Bei der Abstimmung 1920 sprachen sich 98% der Stimmberechtigten in Masuren dafür aus, bei Deutschland zu bleiben. Sie fühlten sich als Ostpreußen, nicht als Polen, trotz masurischer Haussprache. Das Masurische ist heute so gut wie verschwunden.

4. Die Litauer

Nicht zuletzt die Schriftsteller Hermann Sudermann (Litauische Geschichten) und Johannes Bobrowski (Litauische Klaviere) haben im 20. Jahrhundert auf die Litauer in Ostpreußen aufmerksam gemacht. König Friedrich Wilhelm III. wandte sich im Aufruf "An mein Volk" vom 17. März 1813 an die "Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litthauer!"

Im 15. Jahrhundert begannen litauische Adlige mit ihren Bauern wegen der Unterdrückung durch den höheren Adel, der entweder polnisch oder doch polonisiert war, ihre Heimat zu verlassen. Diese Einwanderung hielt auch im 16. Jahrhundert an und erstreckte sich ungefähr auf den Bereich des späteren Regierungsbezirks Gumbinnen, den Friedrich Wilhelm I. "Preußisch-Litthauen" nannte. Die Reformation trennte diese Litauer von der Bevölkerung in ihrer alten Heimat. Herzog Albrecht sorgte auch bei ihnen für die Übersetzung des kleinen Katechismus in die litauische Sprache. Litauischer Gottesdienst wurde überall nach der Reformation eingeführt und in manchen Gemeinden bis 1945 gehalten. Ein eigenes nationales Bewußtsein haben die Litauer in Preußen kaum entwickelt.

Für die litauische Kultur bis ins 19. Jahrhundert ist entscheidend, daß viele Litauer in Königsberg studierten und alle wichtige Literatur bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts in Ostpreußen erschien. Königsberg ist der Druckort des ersten litauischen Buches, d.h. Luthers Kathechismus. Tilsit ist der erste Erscheinungsort einer litauischen Zeitung.

Eine besondere Bedeutung erreichte das Litauische im Memelland. Trotz litauischer Haussprache haben sich die einheimischen Memelländer in der Zeit der Zugehörigkeit zu Litauen, 1923 bis März 1939, stets zu den deutsch gesinnten Parteien bekannt. Die Liturgie der altpreußischen Union in ihrer litauischen Fassung von 1895 wird heute noch von den evangelischen Gemeinden im Memelland angewandt. Nirgendwo in den Vertreibungsgebieten ist das nationale Verhältnis zwischen Deutschen und Litauern besser als im Memelland.

5. Die Schweizer und Salzburger

Nach der großen Pest, die das nördliche Ostpreußen in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts heimsuchte und besonders Preußisch-Lifthauen entvölkerte, sorgte Friedrich Wilhelm I. für die Einwanderung von Schweizern (seit 1712) und Salzburgern (seit 1732). Während die Salzburger aus konfessionellen Gründen von ihrem Erzbischof vertrieben wurden, kamen die Schweizer vor allem aus wirtschaftlichen Gründen nach Ostpreußen. Die Schweizer waren reformiert, die Salzburger lutherisch. Natürlich gab es große Anpassungsschwierigkeiten; doch war die Zahl der Rückwanderer weitaus geringer als bei anderen Auswanderungen und spielt statistisch keine Rolle.

Die lutherische Frömmigkeit hatte große Bedeutung für die evangelische Kirche Ostpreußens. Wenn sich auch die Mundart der Salzburger schnell verlor, so bewahren die Salzburger doch ein Bewußtsein ihrer Eigenart bis zum heutigen Tage. Das geht zum großen Teil darauf zurück, daß die Salzburger eine eigene Rechtspersönlichkeit blieben. Die Salzburger Anstalt wurde von Friedrich Wilhelm I. mit Mitteln der Entschädigungszahlungen des Salzburger Erzbischofs gegründet. Sie diente und dient sozialen Aufgaben der Salzburger (Versorgung von Waisen und Alten). Sie wird von den Abkömmlingen der Salzburger demokratisch verwaltet.

II. Gegenwart

Das Katastrophenjahr 1945 hat die Verhältnisse im östlichen Mitteleuropa und gerade auch in Ostpreußen völlig verändert. Die heutige Situation wird dadurch charakterisiert, daß Ostpreußen wie eine Kolonie im Afrika des 19. Jahrhunderts durch die sowjetisch-polnische Demarkationslinie geteilt ist. Nach unvorstellbaren Leiden vertrieben die Sowjets bis 1948 alle Deutschen aus Nordostpreußen. Die Polen verhielten sich - mit Ausnahme von Masuren - ähnlich.

6. Das nördliche Ostpreußen heute

Peter Worster vom Herder Institut in Marburg hat die Situation im nördlichen Ostpreußen beobachtet und analysiert. Über 70% der Bewohner sind Russen, die übrigen Ukrainer und Weißrussen. Seit 1990 wandern Deutsche aus Rußland zu. Das nördliche Ostpreußen bildet einen Bezirk (Oblast) Rußlands (durch 400 Kilometer litauisches und weißrussisches Territorium vom übrigen Rußland getrennt).

In den letzten Jahren wird immer deutlicher, daß das sowjetische Vorhaben, die Geschichte des nördlichen Ostpreußens 1945 beginnen zu lassen, gescheitert ist. Auch befriedigt es die heutigen Bewohner nicht, von der Zeit vor 1945 lediglich zu hören, daß das "urslawische" Ostpreußen als militärische Basis zum Kampf gegen die Slawen ausgebaut worden ist.

Das Memelland wurde 1945 der Sowjetrepublik Litauen zugeschlagen. Teile der Bevölkerung konnten in der Heimat bleiben.

7. Das südliche Ostpreußen

Das südliche Ostpreußen wird heute sprachlich durch die Polen dominiert. Einige Ukrainer und zurückgebliebene Deutsche spielen keine ausschlaggebende Rolle. Zunächst blieben in Masuren eine erhebliche Zahl von Deutschen zurück, die 1945 für Polen optiert hatte: Sie wanderten nach 1956 nach Westdeutschland ab.

Bis etwa 1965 hat die polnische evangelische Kirche deutsche Gottesdienste zugelassen.

Welche Zukunft kann man sich für Ostpreußen vorstellen?

Eine Vertreibung und Zwangsumsiedlung scheidet selbstverständlich aus. Deshalb wird man auch in Zukunft mit Menschen litauischer, russischer, polnischer und deutscher Sprache in Ostpreußen rechnen müssen. Wie der Blick in die Geschichte gezeigt hat, gab es auch in der Vergangenheit, in weiten Teilen Ostpreußens sogar bis 1945, neben deutschen auch litauische und masurisch-polnische Gottesdienste.

Warum sollte nicht auch in Zukunft ein Miteinander der Völker in Preußen möglich sein? Der Exil-Litauer Alexander Stromas forderte bei einem Vortrag vor dem Weltwirtschaftsinstitut in Kiel 1987, daß das zukünftige Preußen von Litauen, Polen, Rußland und der Landsmannschaft Ostpreußen als freies Land konstituiert werden sollte.

Ein Symbol des Miteinander der Völker in Ostpreußen ist vielleicht Ännchen von Tharau. Der Ännchen von Tharau-Brunnen vor dem Memeler Stadttheater wurde 1989 mit Genehmigung der litauischen Stadtverwaltung von Litauern und vertriebenen Ostpreußen wiederhergestellt.

Prof. Dr. Wolfgang Stribrny
- Pädagogische Hochschule Flensburg -
 

Quelle:
Auszug aus dem Begleittext zur Ausstellung
"Menschen unterwegs - Das Beispiel Ostpreußen"
Ausstellung anläßlich des 35jährigen Bestehens  der Patenschaft Johannisburg/Ostpr.
vom 20. Mai bis 31. August 1989 im Kreishaus Flensburg

 

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Stand: 04. Februar 2019