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Klaus-Jürgen Hofer+
Meine morgendliche Beschäftigung ist jedesmal ein Pirschgang durch das Revier. Anschließend hacke ich Holz. Das Deputat an Holz ist reichlich, und deshalb ist es das einzige Brennmaterial im Haus. Selbst die Kachelöfen werden mit Holz geheizt, einst wurden sie speziell für Holzfeuerung, als Langfeueröfen, gebaut. Bevorzugt werden lange Hartholzstücke, das Kienholz wird nur zum Anheizen gebraucht. Vom Wald her dringt das Geknatter von Motorsägen, dort werden Kiefern gefällt. Der Puszcza Piska [Johannisburger Heide] (1) ist vorwiegend ein Mischwald, mit Fichten, Eichen, Buchen, Lärchen, Birken und vor allem Kiefern. Mit einhundertzwanzig Jahren etwa werden die Kiefern gefällt, nachdem sie mehrere Jahre zuvor geharzt wurden. Die gigantisch hohen Bäume geben nicht nur reichlich Harzerträge, sie liefern auch entsprechende Mengen Festmeter Holz. Bäume von 35 bis 40 Meter Höhe sind keine Seltenheit. In kürzester Zeit ist solch ein Riese gefällt, werden Krone und Seitenäste abgetrennt; mit der Schrotsäge arbeitet man auch hier nicht mehr. Das milde Wetter hält nicht lange an, über Nacht sitzt wieder starker Frost im Boden, und bald zeigt sich die Landschaft erneut in winterlicher Pracht. Am Neujahrsmorgen geht Ingielewicz mit mir auf die Jagd, es soll ein Reh geschossen werden. Und da es Ingielewicz in der Silvesternacht so beschlossen hat, soll ich den Braten schießen. Noch einmal erklärt er mir, was ich schießen darf und was nicht, dann pirscht jeder zu seinem Hochsitz. Kaum ist eine halbe Stunde vergangen, da zieht ein Reh, ein Abschußreh, vor mir durch die Kuscheln. Aufgeregt lege ich an, gewillt, meinen Zeigefinger am Abzug zu krümmen, einen tödlichen Schuß abzugeben. Im Diopter sehe ich das Reh vor mir, wie im Fernglas, groß und schön. Nur ein kleiner Fingerdruck soll es nun zu Boden strecken — wirre Gedanken, ich zögere, sichere das Gewehr und lasse das Reh ziehen ... Später fragt mich Ingielewicz: »Haben Sie nicht das Reh gesehen, warum haben Sie nicht geschossen?« Die Antwort habe ich mir längst zurechtgelegt: »Es war kein Reh zu sehen, bei mir zog nur ein Bock vorbei...« Die Kältewelle hält an, die Temperatur liegt tagelang unter minus 25 Grad Celsius. Die Eisdecke der Seen ist schon so dick, daß darauf Pferdeschlitten und sogar Autos fahren, ohne Sorge einzubrechen. Es ist bequem, den Weg zum Nachbarn auf diese Weise abzukürzen. Doch schon setzen neue Schneefälle ein, die Freude der Eissegler fällt in den Schnee, die Kufen versinken zu tief darin. Täglich bin ich nun mit Skiern unterwegs. Obwohl es in Masuren regelmäßig schneereiche Winter gibt, ist Skilaufen nicht sonderlich populär, man zieht den Pferdeschlitten vor. Im Wald sind neue Wildwechsel erkennbar, aus allen Richtungen führen sie zu den Futterstellen, wo das Wild Heu und Mais findet. Mais wird in allen Revieren des Puszcza Piska [Johannisburger Heide] verstreut, um den Verlust an Wild und den Verbiß an jungen Bäumen in den Wintermonaten so gering wie nur möglich zu halten. Natürlich sind die Schwarzkittel die größten Nutznießer, bevor nicht das letzte Körnchen Mais aus dem Schnee gesucht ist, verläßt kaum eine Rotte das Feld. Ingielewicz bestellt wie jedes Jahr im Schlachthof Mragowo [Sensburg] drei Rinder, die aus veterinärmedizinischen Gründen nicht verarbeitet werden dürfen. Er will die Kadaver an verschiedenen Hochsitzen auslegen, um damit das Raubzeug, besonders Füchse und Marderhunde, anzuködern; seine Jagdstrecke der letzten Jahre kann sich sehen lassen. Außerdem ist es weidmännischer, dem Raubwild auf diese Weise auf den Pelz zu rücken, als die Baue dieser Tiere im Frühjahr, wenn sie gerade geworfen haben, zu vergasen. Wie oft fallen dabei auch Dachse mit zum Opfer, denn sie leben nicht selten mit Reineke auf du und du in einem Bau. Neue Schneefälle und Verwehungen machen den Transport der Rinder unmöglich. Vergeblich hoffe ich an einem Luder fotografisch zum Schuß zu kommen, vielleicht an einer der großen Lichtungen auf diese Weise einen Seeadler zu filmen ... Im Rundfunk und Fernsehen wird eine Sensation verkündet: Fischer von Mikolajki [Nikolaiken] haben beim Eisfischen einen beispiellosen Fang erzielt. Einhundert Tonnen Fisch wurden beim Auslegen eines einzigen Netzes eingeholt — der Rekord des Jahrhunderts! Ich erkundige mich bei Javor, wo die Fischer jetzt zu erreichen sind. »Fahren Sie mit dem Auto immer der Spur auf dem See nach, aber nicht nach Beldany [Beldan], sondern zum Sniardwy [Spirding-See]. Irgendwo werden Sie die Fischer treffen.« Ich kaufe eine Flasche Wodka und folge der Spur auf dem Eis. Ganz wohl ist mir nicht zumute, an vielen Stellen sind von den Fischern rechteckige Löcher in das Eis gesägt, groß genug, daß ein Auto darin Platz finden und untertauchen könnte. Nach etwa zehn Kilometern treffe ich auf die Fischer. Es ist eine andere Brigade als jene vom Herbst in Iznota [Isnoten, Kreis Sensburg]. Ein erwärmender Schluck macht meine Bitte, vom Eisfischen ein paar Fotos schießen zu dürfen, problemlos. Das Prinzip des Fischens ist ähnlich wie im Sommer, doch jetzt, bei den starken Minusgraden, geht alles entschieden langsamer. Zunächst wird ein Rechteck von zwei mal vier Metern aus dem Eis gesägt, in das nach jeder Seite eine etwa fünfzehn Meter lange Holzstange geschoben wird. An jedem Ende ist ein Seil mit einer Netzseite befestigt. In fünfzehn Meter Entfernung vom Eisloch, etwa am Ende der Stange unter Wasser, hackt ein Fischer ein kleines Loch in das Eis und führt mit einer Gabel die Holzstange unter dem Eis weiter, dirigiert sie zum nächsten Loch, bis sich beide Stangen nach einem großen Kreis auf der gegenüberliegenden Seite treffen. Auch hier haben die Fischer in das Eis ein großes Rechteck gesägt. Zwei Winden, von Dieselmotoren angetrieben, ziehen das Netz wieder aus dem Wasser. Jeder Fischer hat seinen Platz. Einer stößt fortwährend mit einem langen Stab, an dessen Ende ein glockenähnlicher Trichter befestigt ist, ins Wasser. Das dabei entstehende Geräusch treibt die Fische ins Garn. Etwa zehn Tonnen liegen im Netz, ein sehr guter Fang. Es sind vorwiegend Brassen, Karpfen und Rotfedern, leider sind zuviel untermaßige Fische darunter. Der Chef aus Mikolajki [Nikolaiken] muß entscheiden, was mit den kleinen Fischen geschehen soll. Für ihn ist das klar, die großen müssen aussortiert, die kleinen schnell zurück ins Wasser gesetzt werden, sie dürfen nicht lange an der eiskalten Luft bleiben. Zwei Hänger der allradgetriebenen Kleintraktoren werden bis zum Rand beladen, mehr als sechs Tonnen Fisch, darauf kommen noch die Stiegen mit großen Karpfen. Bald lodert am Schilfrand ein Feuer, die durchfrorenen Männer wärmen sich auf. Mit Brot, Speck und Wodka werden die Mägen gefüllt.
Ferner war die Bienenzucht, die Beutnerei, ein geachteter Berufszweig, schon während der Zeit des Ritterordens verwandte man darauf große Sorgfalt, waren die Masowier erprobte Fachleute. Die zahlreichen Beutnerdörfer sind fast ausschließlich von ihnen gegründet worden. Die Beuten wurden recht primitiv in ausgehöhlten Enden gekappter Bäume angelegt, doch sie lieferten beachtliche Mengen an Honig. Daneben wurde durch die Beutnerei Wachs für die Herstellung von Kerzen gewonnen. Die reichen Vorkommen von Lehm und Ton brachten Berufe hervor, die inzwischen der Vergangenheit angehören. Schon im Mittelalter wurden zahlreiche Ziegelbrennereien errichtet, kannte man bereits die Vorzüge des masurischen Mergels. Noch heute findet man in den Dörfern und Städten Masurens viele rote Backsteinbauten in typisch masurischer Architektur, die sich bis Mitte des 14. Jahrhunderts zurückverfolgen läßt. In diesem Jahrhundert wurde besonders im Norden Masurens zunehmend Wald gerodet; die Acker und Wiesenflächen vergrößerten sich, und die Viehhaltung gewann an Bedeutung. Bis heute ist in diesen Teilen Masurens die Landwirtschaft ein wichtiger Erwerbszweig. Doch Ackerbau und Viehzucht sind weitgehend vom Klima und den Bodenverhältnissen abhängig; in Masuren gibt es dafür keine guten Bedingungen. Durch das kontinentale Klima sind die Temperaturgegensätze groß, ist der Winter lang und die Verteilung der Niederschlagsmenge ungünstig. Man zählt jährlich etwa 128 Frosttage. Noch im Juni tritt gelegentlich Bodenfrost auf, und schon im September färben die ersten Nachtfröste das Laub. Bereits Mitte Dezember sind die Seen zugefroren; vor Anfang April tauen sie selten auf. Das späte Frühjahr drängt die Feldarbeit zusammen, und die relativ kurze Vegetationsperiode schränkt den Anbau bestimmter Kulturpflanzen wie Mais, Sonnenblumen, Obst und Gemüse erheblich ein. Oft erschweren starke Niederschläge die Erntezeit; die zweite Heumahd, das Grummet, muß nicht selten im Regen liegenbleiben. In Südwestmasuren, der Heidelandschaft um Szczytno [Ortelsburg] ist die Bewirtschaftung wegen des dürftigen Sandbodens zusätzlich eingeschränkt. Dort, wo man den Sümpfen Boden abringen konnte, sie meliorierte, sind Weiden entstanden. Viele Wirtschaften halten zusätzlich Vieh oder haben sich ganz auf Fleisch- oder Milchproduktion spezialisiert. Trotz aller Erschwernisse der Bodenbearbeitung und des Klimas nimmt die Landwirtschaft heute in Masuren den wichtigsten Stellenwert ein, wenn auch die private Kleinfelderwirtschaft, die dem Landschaftsbild über Jahrhunderte zusätzlich einen besonderen Reiz verlieh, mehr und mehr verschwindet.
Auf Skiern laufe ich nach Popielno [Popiellnen, Kreis Sensburg]. Die Halbinsel [zwischen Beldahn- und Spirding-See] ist durch Schneeverwehungen von der Umwelt völlig abgetrennt; sogar über das Eis ist die Versorgung des kleinen Dorfes und der Tierzuchtstation unterbrochen: Seit einigen Tagen bringt ein Hubschrauber die lebenswichtigsten Dinge auf die Halbinsel. Professor Jakczewskie ist über die Lage nicht beunruhigt. »Schon fünfundzwanzig Jahre lebe ich hier, damals gab es nicht einmal Elektrizität, Popielno [Popiellnen, Kreis Sensburg] war noch kaum bewohnt. Um etwas einzukaufen, mußte ich in den nächsten Ort reiten; das war entschieden romantischer als heute.« Frau Jaworowska hat zwei Pferde vor den Schlitten gespannt, wir fahren einige Kilometer in das Reservat. Obwohl mir der Verschluß der Kamera einfriert, bleibt es eine unvergeßliche Schlittenfahrt. Mitten im Wald, an einer Futterstelle, treffen wir auf eine Herde freilebender Koniks. Bei dieser hohen Schneelage und den niedrigen Temperaturen wird den Koniks Heu zugefüttert, denn sie sind jetzt nicht mehr in der Lage, mit ihren Hufen genügend altes Gras unter dem Schnee freizuscharren. Schon am 10. Februar wurde das erste Fohlen in der Herde geboren, im Schnee, bei minus 18 Grad Celsius. Auch wenn das sehr früh ist — die Fohlenzeit beginnt sonst erst im März/April —, hat das Neugeborene die ersten harten Frosttage ohne menschliche Hilfe mühelos überstanden. Den freilebenden Koniks bleibt außer dem winterlichen Zufutter ohnehin alle menschliche Hilfe versagt. Sie leben hier annähernd wie jene Wildpferde, die vor Jahrhunderten überall in Europa beheimatet waren. Ich folge einer Einladung nach Kwik [Quicka, Kreis Johannisburg], einem kleinen Dorf am Sniardwy-See [Spirding-See], und besuche Frau Senktivana, eine hochbetagte waschechte Masurin. Schon im Sommer hatten wir uns kennengelernt, als ich mir von ihr täglich Milch und Eier kaufte. »Es ist nett, daß Sie uns nicht vergessen haben. Herzlich willkommen.« Frau Senktivana schiebt rasch einige Stücke Holz in den gekachelten Herd. »Er ist schon sechsundfünfzig Jahre alt, mein Vater hat ihn selbst gebaut, und er heizt noch wie am ersten Tag, nur feuerten wir ihn früher mit Torf. Schon als Kinder haben wir im Sommer auf nassen Wiesen Torf gestochen.« Die Küche ist gemütlich warm geworden, wir unterhalten uns, wie im Sommer, über Masuren, über das Neue und das Alte; über den Sniardwy-See [Spirding-See], die Fischerei und den Winter, der früher wesentlich strenger gewesen sein soll als heute. »In der Dorfschule gab es damals nur vier Klassen und zwei Lehrer. Jetzt sind es wohl fünf Lehrer und acht Klassen. Und jede Woche kommt das Kino mit einem Auto ins Dorf, ganz moderne Filme werden da gezeigt. Die kleinen Dörfer hier wurden ja erst in polnischer Zeit elektrifiziert. Wir hatten immer nur Petroleumlampen. Im Sommer wurde bei uns schon um drei Uhr morgens aufgestanden. Und es wurde auch viel mehr gesungen als heute, sogar noch masurisch, aber das ist bald siebzig Jahre her.« Im Schneetreiben fahre ich nach Pisz [Johannisburg] zurück. Der Name der Stadt ist prußischer Abstammung und hat seinen Ursprung im Wort »pissa«, was Sumpf bedeutet. Der nahe der Siedlung liegende Fluß Pisa [Pissek / Galinde] hatte schwer zugängliche, sumpfige Ufer." Die Kreuzritter, die hier am Pisafluß eine Festung errichteten, nannten sie Johannisburg, und so hieß der Ort auch, als er 1645 Stadtrecht erhielt. Aber die einheimische masurische Bevölkerung bediente sich der polnischen Bezeichnung Jansbork. Erst 1946 wurde der Stadt an der Pisa wieder ihr alter Name Pisz verliehen. Viele Katastrophen überschatteten die Stadt: 1656 waren es Tatarenüberfälle. 1709 brach in Pisz die Pest aus, der fast die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. Nur vierzehn Personen blieben am Leben. Ähnlich wütete die Pest in diesen Jahren in Gizycko [Lötzen][Rastenburg] und Ketrzyn [Rastenburg]. Hier wurden nicht nur die Städte, sondern auch die umliegenden Dörfer entvölkert. Auch Gizycko [Rastenburg] und Ketrzyn [Rastenburg] trugen einst die Namen von Ritterburgen: Lötzen und Kastenburg. Sie wurden 1946 nach den polnischen Patrioten aus Masuren Marcin Gizewiusz und Wojciech Ketrzynski umbenannt. Der Historiker, Verleger, Ethnograph und Publizist Dr. Ketrzynski hat sich um die Erhaltung des Polentums in Masuren besonders große Verdienste erworben. Er veröffentlichte etwa zweihundert wissenschaftliche Arbeiten, darunter 1882 auch verschiedene Abhandlungen über Masuren, über die polnische Bevölkerung im ehemaligen Preußen seit Beginn der Kreuzritterzeit. Dr. Ketrzynski war dabei bemüht, das nationale Interesse des polnischen Bürgertums für Masuren zu wecken. Er war auch der Initiator eines Komitees zur Hilfe für Masuren. Schon 1883 erschien die erste Zeitung »Mazur«, die mit einigen Unterbrechungen bis 1935 verlegt wurde. Auf dem Beldany-See [Bldahn-See] ist ein Fischer mit einem Kleintraktor im Eis eingebrochen. Glücklicherweise entstand nur Sachschaden, und man machte sich keine größeren Gedanken über die Ursache. Wenige Tage später bricht an einer anderen Stelle ebenfalls ein Traktor durch das Eis. Nun erkennt man die Ursache dieser Unglücke. Die Stärke des Eises hat sich bei den tiefen Temperaturen infolge der Isolation durch die Schneedecke nicht erhöht, im Gegenteil, das Eis ist durch unterirdische Strömung wärmeren Wassers an verschiedenen Stellen wieder schwächer geworden, ein Phänomen, das in Masuren recht selten auftritt. Aus dem Nachbarort benachrichtigt ein Bauer den Förster Ingielewicz von einer verendeten Kuh. Der Bauer wollte das Tier verkaufen. Um es wohlaussehend auf den Markt zu bringen und einen guten Preis zu erzielen, fütterte er am Abend zuvor übermäßig viel Kartoffeln, etwa einen Zentner. Diese Sonderration bekam der Kuh leider nicht, am nächsten Morgen lag sie tot im Stall. Ingielewicz hat den Kadaver an einer Wildfütterung mitten im Wald abladen lassen. Als Luderplatz für Raubzeug sicher ideal, doch ein Seeadler wird sich hier kaum blicken lassen. Zwei Tage später kontrollieren wir das Luder, es ist noch unberührt, nicht einmal die Wildschweine haben sich herangewagt. Ingielewicz schneidet es an verschiedenen Stellen auf, um den hungrigen Tieren Gelegenheit zu geben, besser an die Mahlzeit heranzukommen. Am nächsten Morgen fehlt an der Kuh ein beachtliches Stück, die Wildschweine haben sich daran gütlich getan. Auch Fuchsfährten erkenne ich. Die nächsten Tage verbringe ich auf einem Hochsitz, einer geschlossenen Kanzel, von der ich das Luder aus dreißig Meter Entfernung im Okular anvisieren kann. Im Morgengrauen treffen die ersten Eichelhäher ein, die Polizisten des Waldes, sie naschen bis zum Abend an dem Fleischberg. Erscheint einem Eichelhäher etwas nicht geheuer, so ertönt auch schon sein greller Warnruf, und alles fliegt vom Luder ab. Nach und nach versammelt man sich erneut. Von weit her vernehme ich Rufe von Kolkraben, ihr unverkennbares »Korrk, korrk, korrk, korrk«. Vor Tagen sah ich ihre akrobatischen Balzspiele, jetzt könnte es die Ankündigung für einen Besuch sein. Aufnahmebereit sitze ich hinter der Kamera, um die übervorsichtigen schwarzen Gesellen nicht zu verpassen. Eine Stunde oder mehr Zeit vergeht, doch es geschieht nichts. Als ich versehentlich am Objektiv wackle, ruft erneut ein Kolkrabe. Die Raben haben das spiegelnde Auge bereits entdeckt und behalten es im Auge. Bei der Kälte wird das Warten doppelt lang, und ich gäbe was um einen guten Schluck! Endlich fliegt ein Rabe das Luder an, ein zweiter folgt; argwöhnisch sichern beide zu mir hinauf. Schärfe korrigieren, auslösen und die Kamera rasch wieder spannen — vertraute Handgriffe, die auch mit klammen Fingern sitzen müssen. Doch die Kälte ist in diesem Augenblick wie weggeblasen. Hastig reißen sich die Raben ein Stück Fleisch aus dem Kadaver und schwingen sich damit an einen ihnen sicher erscheinenden Ort, bis sie sich erneut zum Luder wagen und das Spiel von vorn beginnt. Ein Bussard fliegt an, auch er kröpft sich seinen Teil. Ohne Hast und Mißtrauen reißt er sich mit seinem Schnabel kleine Fleischstücke ab und verzehrt sie. Abseits schimpfen die Eichelhäher mit krächzenden Lauten auf den Greif, der ihnen wohl ihr Dessert streitig macht. Wann ich auch das Geschehen am Luder beobachte, die Gäste sind immer die gleichen. Und sobald die Dunkelheit anbricht, fällt eine Rotte Schweine über den Kadaver her. Von Tag zu Tag wird der Fleischberg weniger und meine Chance auf einen Adlerbesuch geringer. Südlich des Sniardwy-Sees [Spirding-Sees] hat ein Förster ebenfalls ein Luder ausgelegt, das regelmäßig ein Bielik, ein Seeadler, aufsuchen soll. Ich schlage im Schnee ein kleines Zelt auf und quartiere mich draußen in der Wildnis ein. Der Adler läßt auf sich warten, der harte Winter bietet ihm sicher reichlich Nahrung an Fallwild. Am vierten Tag jedoch erscheinen in den Vormittagsstunden gleich zwei Seeadler, ihre Vorsicht ist noch größer als die der Kolkraben. Behutsam versuche ich die Kamera auszulösen, der Spiegel klappt nach oben, aber der Verschluß ist blockiert — eingefroren — aus — vorbei. Ich muß tatenlos zusehen, wie sich die Adler die Kröpfe stopfen.
________________________ 1. Von der Redaktion wurden in [eckigen Klammern] die alten deutschen und/oder masurischen Namen hinzugefügt. 2. Hier wird von Autor
das DDR-Geschichtsbild nach polnischer Lesart dargestellt. Diese Darstellung
widerspricht den heute gültigen Fakten.
Beispiele: Die Vertreibung der Deutschen hieß im DDR-Sprachgebrauch
"Umsiedlung". - Die bis 1945 gültigen Orts- und Flurnamen der alten deutschen
Ostgebiete wurden in der DDR nicht verwendet, sondern nur die ab 1946
eingeführte polnische Namensgebung. Die polnischen Namen sind nicht immer
identisch mit den alten masurischen Namen.
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