|
|
Klaus-Jürgen Hofer+
Es war nicht allein das bunte Nebeneinander von Wäldern, Ackern und Wiesen, von Seen und Sümpfen mit ihrer reichen Fauna und Flora, das mich in seinen Bann zog. Masuren hat eine bewegte erdgeschichtliche Vergangenheit; es bekam sein eigenes Profil. Jene Moränenlandschaft mit ihren Hügeln und Senken, Ebenen und Rinnen macht Masuren so liebenswert. Alljährlich fahre ich in den Puszcza Piska [Johannisburger Heide] (1), den Urwüchsigen Wald, um das Frühjahr zu erleben: den Tanz der Kraniche, die Balz der Birk- und Haselhühner, die Adler und Störche, die vielen Frühjahrsblüher der Wälder, Sümpfe und Wiesen. In Lisunie [Lissuhnen, Kreis Sensburg], einer Försterei, beziehe ich Quartier. Das alte Forsthaus mit Stall und Scheune steht auf einer Lichtung mitten im Wald. Im Hause Ingielewicz gehöre ich quasi schon zur Familie. Mit einer guten Mahlzeit beginnt der Tag, Sahne, Quark, Eier und Speck, für mich noch Marmelade. Dann geht jeder an seine Arbeit: Ingielewicz zur Oberförsterei, seine Frau in den Stall melken, und ich stapfe durch feuchten Schnee in den Wald. Der Winter war reich an Schnee und Kälte. Doch die Tage werden sichtbar länger. Nachts erholt sich der Winter stets aufs neue, die Temperaturen sinken weit unter Null. Im Revier ist es ruhig, nur Tannenhäher geben hier und da Zeichen von sich. Auf den Wildwechseln sind rote Flecken im Schnee erkennbar: Verletzte Läufe hinterließen ihre Spuren. Der hartgefrorene Schnee der letzten Nächte macht es besonders dem Rehwild schwer. Die alte Dachsburg liegt im Winterschlaf, alle Einfahrten sind mit Schnee bedeckt. Das Frühjahr läßt auf sich warten. Trotz eines Wärmeeinbruches und tagelangen Regens: Im Wald liegt stellenweise noch immer Schnee. Es bleibt Aprilwetter. Sonnenschein, Hagel, Regen, Sonnenschein. Die Rotdrosseln ziehen in Schwärmen nach Norden. Und eines Morgens — die ersten Kraniche. Unweit des Forsthauses, auf dem Schwingmoor eines verlandenden Sees, geben sie sich ein Stelldichein. Acht Kraniche trompeten und springen mit ausgebreiteten Schwingen minutenlang aufeinander zu, als wollten sie damit ihre Lebensfreude zum Ausdruck bringen. Ihr klangvolles Trompeten schallt weit in den morgendlichen Dunst: Männchen und Weibchen jeweils in der ihnen eigenen Stimmlage, in wechselndem Ruf harmonisch vereint. Der kalte Morgen macht ihren Atem sichtbar. Es ist ihr Hochzeitstanz, der bei jedem Tagesanbruch von neuem beginnt.
Zwei Kranichpaare bleiben eines Morgens aus, die anderen verstreuen sich auf der weiten Fläche und werden von Tag zu Tag heimlicher. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang trompeten sie ihren melodischen Ruf über das Moor. Es scheint, als wollten beide Paare hier in diesem Sumpf brüten. Vor einigen Jahren fand ich eine ähnliche nicht alltägliche Situation. Zwei Bruten lagen auf einem offenen Schwingmoor kaum hundert Meter auseinander. Jährlich beziehen die Kraniche noch an jener Stelle ihr Revier. Die Schwingmoordecke ist dort so dünn, daß es für ein größeres Lebewesen unmöglich ist, sich dem Nest zu nähern. So haben auch Schwarzkittel keine Chance, das Gelege zu plündern. Ein Kranichpaar hat sich im Schilf niedergelassen. An einer lichten Stelle tragen sie emsig Schilfrohr und Gräser für ein Nest zusammen. Trotz redlicher Mühe, es wird kein Kunstwerk wie oft bei anderen Vögeln. Schlicht und einfach, ein flacher Schilfhaufen. Wenige Tage später liegen zwei stattliche Eier in der Nestmulde. Auch das andere Brutpaar ist endlich entschlossen, ganz offen auf dem Schwingmoor zu bauen. Bisher waren es wohl nur Spielnester, die sie an verschiedenen Stellen anlegten. Ihr Verhalten ist ebenfalls heimlicher geworden. Tage später auch hier zwei Eier, sorgsam werden sie betreut. Während sich ein Kranich ständig dem Brutgeschäft widmet, ist der andere auf Nahrungssuche und behält das Revier im Auge. Nichts entgeht ihm. Erscheint der Partner in Nestnähe, wird der Brutvogel unruhig, erhebt sich vom Gelege und schreitet langsam davon. Ich habe in größerer Entfernung einen kleinen Heuschober angelegt, der mir später als Tarnung dienen soll. Alles muß mit Vorsicht geschehen, nur allzu schnell verläßt ein Kranich seinen Brutplatz. Doch ist der Abstand ausreichend. Allmählich werden sich die Vögel an diesen Heuhaufen gewöhnen. Obwohl nichts als Heu zu sehen ist, äugen sie argwöhnisch hinüber, als wollten sie der Sache nicht recht trauen. Längst habe ich ihr Revier verlassen und beobachte sie mit dem Fernglas. Der Heuschober steht und regt sich nicht. Ich werde zwei, drei Wochen verstreichen lassen, ehe ich aus ihm die Beobachtung aufnehme. Erst dann ist die Nestbindung der Vögel durch den zunehmenden Bruttrieb groß genug. Hinter dem Kranichmoor wird das Gelände wieder hügelig, es ist eine klassische Eiszeitlandschaft. Als im Pleistozän durch klimatische Veränderungen gewaltige Inlandeismassen aus dem Norden südwärts drangen, schleppten sie ungeheure Erd- und Geröllmassen mit sich. Beim Zurückweichen des Eises lösten sich die mitgeführten Massen und lagerten sich als Grundmoränen ab. Doch erst beim letzten großen Eisvorstoß, während der jüngsten Kaltzeit des Pleistozäns vor etwa zehntausend Jahren, hat diese Landschaft ihr Profil erhalten. Lange Zeit befand sich hier der Rand der Eisbedeckung; und die gewaltigen Massen von Moränenschutt, welche im Laufe der Zeit wieder und wieder vom nach-strömenden Eis aus Norden herangeschafft wurden, häuften sich. Dort, wo sich heute die Endmoränen des Baltischen Höhenrückens entlangziehen, waren einst die Randlagen der zurückweichenden Gletscher. Der Rückzug des Eises erfolgte nicht gleichmäßig. Manche Gletscher rückten wieder nach vorn und schoben erneut Moränenschutt, Steine und Sand zusammen. Die Schwankungen des Eisrandes, verursacht durch klimatische Veränderungen, formten das heutige abwechslungsreiche Landschaftsbild des hügeligen Masurens. In dem zurückweichenden Eis entstanden durch Spannungen sowie durch Unebenheiten im Untergrund zahlreiche Risse und zerklüftete Spalten. Bei intensiver Sonneneinstrahlung im eiszeitlichen Sommer schmolz der Eispanzer an der Oberfläche, und gewaltige Wassermassen ergossen sich in die Tiefe der Gletscherspalten. Dabei wuschen sie riesige Rinnen und Kolke im Untergrund aus, die sich später mit Wasser füllten. So entstanden die für Masuren charakteristischen Rinnenseen mit Tiefen von mehr als fünfzig Metern. An das See- und Hügelland des mittleren Masurens schließt sich nach Süden eine neue Landschaft an, die Sand- und Heidegebiete Südmasurens. Dort will ich in den nächsten Wochen mein Zelt aufschlagen. Die noch eisigen Aprilnächte sind zum Zelten nicht gerade passend; doch ich habe die Chance, eine Birkhahnbalz zu erleben. Ingielewicz, der in dieser Gegend lange Förster war, beschreibt mir die Balzplätze. Es liegt mehr als fünfzehn Jahre zurück, daß sich die Birkhähne hier zu Dutzenden tummelten und im Morgengrauen ihre kollernden Balzklänge anstimmten. Die Bestände scheinen wie bei uns auch hier auf ein Minimum zusammengeschrumpft oder gar erloschen zu sein. Jeden Tag hoffe ich aufs neue, irgendwo ihre weithin hörbaren Stimmen zu vernehmen, doch erfolglos. Das Birkwild ist verschwunden. Allerdings kommt es vor, daß sich mancherorts im Laufe von Jahren die Lebensräume für diese Rauhfußhühner ändern und somit auch die Bestände schwanken. So wurden in einem kleinen Territorium Masurens 1865 mehr als siebzig Birkhähne gezählt, die sich nach einem Kahlschlag dort angesiedelt hatten. Mit dem Aufwachsen neuer Waldbestände aber verzog sich das Birkwild. Ich durchkämme das Gelände, Kilometer für Kilometer: Wiesen, Gehölze, Gehölze, Wiesen. Und eines Morgens endlich das melodische Kollern von balzenden Birkhähnen. Der Wind trägt die Stimmen zu mir herüber, zu sehen ist nichts. Weit hinter den Wiesen und Birkengruppen werben die Hähne um ihre Hennen. Zuerst muß ich den Balzplatz richtig orten, ihr Territorium mit dem Fernglas erfassen. Dann endlich drei dunkle Punkte im Okular. Die ausgedehnte feuchte Wiesenfläche ist von kleinen Erlen und Birkenbeständen durchsetzt. Es ist kalt, minus vier Grad, das Gras trägt Rauhreif. Gegen sieben Uhr schwirren die Hähne nacheinander ab und zerstreuen sich in der weiten Landschaft. Sicher werden sie sich morgen früh wieder einstellen. Aber es spricht nichts dafür, daß dies ein besonders günstiger Balzplatz für sie ist. Ebenso könnten sie sich ein paar hundert Meter weiter einfinden. Ich möchte sicher gehen und keine unnötige Störung verursachen, wenn ich mir irgendwo ein Versteck errichte. Gegen zwei Uhr nachts surrt mein Wecker, durch die Dunkelheit dringen bereits die ersten Balzlaute in mein Zelt, wohl aus der gleichen Richtung wie gestern. In der Dämmerung stimmen auch die Lerchen mit ein. Langsam bricht der Tag an. Die Birkhähne balzen nahezu auf dem gleichen Wiesenstück wie gestern. Heute sind es fünf schwarze Punkte. Wenn ich mich dort gut verstecken könnte ... Doch eine natürliche Deckung scheint ausgeschlosssen, das Gelände ist, aus der Nähe betrachtet, viel größer, viel offener, als es von weitem erschien. Aber gut 300 Meter entfernt liegen abseits ein paar Heuhaufen vom vorigen Jahr. Etwas Heu könnte ich mir davon zunutze machen. Nicht mein übliches Versteck, sondern mein kleines Hauszelt baue ich am Balzplatz auf, es ist noch niedriger. Ich will darin gleich schlafen; denn bevor die erste Lerche singt, stellen sich die Birkhähne ein. Getarnt mit übelriechendem, feuchtem Heu, ist mein Hauszelt bald nicht mehr zu erkennen. Dafür stinkt es innen fast unerträglich, und ich mache kein Auge zu, schnappe am Eingang ständig nach frischer Luft. Gegen 1 Uhr, gerade bin ich eingenickt, weckt mich ein fauchendes Zischen ganz in meiner Nähe: mitten in der Nacht ein balzender Birkhahn! Vielleicht habe ich an dieser Stelle wirklich ins Schwarze getroffen. Beruhigt krieche ich in meinen Schlafsack zurück, in der Hoffnung, daß es bald hell werde. Aber meine Erwartungen erfüllen sich nicht, die Birkhähne sind mißtrauisch und meiden meine Nähe. Habe ich den einen oder anderen endlich im Okular, ist es wieder nur ein kleiner dunkler Fleck. Ja, auch ein Super-Spiegelobjektiv hat seine Grenzen. So bleiben auch die nächsten zwei Morgen erfolglos. Dann ändert sich die Lage. Ein Hahn wagt sich endlich in die Nähe — sechzig Meter —, immer noch zu weit. Zwei andere kämpfen miteinander um die Rangordnung — hundert Meter. Ich habe einen Gegenplan, es muß noch ein Heuhaufen her, nur zum Schein und zwar dorthin, wo sie jetzt balzen. Wieder hocke ich im Schlafsack und erwarte einen neuen Tag. Das Heu ist wohl abgetrocknet, der Fäulnisgeruch hat sich verloren, oder ich habe mich daran gewöhnt ... Fürwahr, der zweite Heuhaufen verwirrt die Hähne. Sie schwirren dazwischen hin und her, bis sich jeder für seinen Balzplatz entschieden hat. Zwei von ihnen landen kaum zwanzig Meter neben mir, und ein harter Rivalitätskampf beginnt. Wieder geht es um die Rangordnung. Ein dritter fliegt hinzu, heute ist der Teufel los. Doch im Grau der Dämmerung ist an Film und Foto längst noch nicht zu denken. So mancher Jäger würde bei diesen Szenen leuchtende Augen bekommen und den Finger krümmen wollen. Einst war die Birkhuhnjagd nicht nur wegen ihrer Trophäe so beliebt, obwohl präparierte Hühner manche Stube zierten. Auch galten sie als Delikatesse ihres würzigen Fleisches wegen. Aber nicht die Jagd allein bewirkte, daß vielerorts dieser Vogel fast ausgestorben ist. Veränderte Umweltfaktoren trugen das ihrige bei. Dazu kommt, daß hin und wieder eine Seuche ausbricht, wonach große Populationen fast erlöschen. Kaum fünfzehn Meter vor mir ist ein Hahn gelandet. Längst bin ich mit der Kamera schußbereit, doch das Licht reicht noch nicht aus. Mit nach vorn gestrecktem Hals, aufgebläht, die Flügel hängend, balzt er sein hohltönendes Kollern vor sich hin. Dabei leuchten die zinnoberroten warzigen Rosen, als würden sie phosphoreszieren. Zum Abschluß seiner Balzstrophen, die ganz unterschiedlich lang sind, folgt das fauchende Zischen. »Tschu-schwi, tschu-schwi«. Ein kurzes Aufflattern und Springen — und das Spiel beginnt von vorn. Erst jetzt erklärt sich mir die große Aktivität der Hähne. Hinter mir lockt ein Weibchen, und jeder wirbt, so gut er kann. Ja, Hennenbesuche auf Balzplätzen sind selten, sie brauchen für ihr Gesperre, ihr Gelege, nur wenige Begattungen. Und dennoch müssen Birkhähne lange Zeit »in Form« bleiben. Von April bis in den Juni hinein ist es erforderlich, für die Hennen bereit zu sein. Nur allzuoft kommt es zu Gelegeverlusten durch Raubzeug und dergleichen, dann gibt es ein Nachgelege. Das Licht nimmt zu, ich riskiere die ersten Aufnahmen mit 1/15 Sekunde. Der Birkhahn vor mir sichert, trotz seiner Balzekstase, das Kamerageräusch ist neu für ihn. Nun schalte ich das Tonband ein: Er hört sein eigenes Gekollere, für ihn das eines Nebenbuhlers. Er fliegt heran, acht Meter ist er nur entfernt. Wer von uns beiden aufgeregter ist, läßt sich schwer sagen. Da er sofort mißtrauisch wird, drehe ich das Tonband ab; denn er soll diesen Rivalitätskampf gewinnen. Noch schwach wirft die Sonne ihren Schein über die rauhreifbedeckte Moorwiese, mit jeder Sekunde wird das Licht stärker. Balzend läuft mir ein zweiter Hahn ins Bild, und beide geben das Beste vor der Kamera. Eine Henne landet links bei einem anderen Freier. Doch es beginnt kein Freien, kein Liebesspiel, keine Zärtlichkeit: Die Henne duckt sich, und in wenigen Augenblicken ist alles geschehen. Es ist das einzige Zusammentreffen zwischen Hahn und Henne, denn um die Brut und die Jungen kümmert sich allein das Weibchen. Birkhühner sind ganz anders als Kraniche, die in Einehe leben und sich gemeinsam der Brut und den Jungen widmen. Dauerregen setzt ein, und das Anfang Mai — Masurenwetter. Es ist hoffnungslos, sich bei den Kranichen anzusetzen. Und als der Regen endlich abzieht, ist es schon zu spät. Das Nest ist leer, die beiden Küken sind geschlüpft. Da entdecke ich noch einen jungen Sprößling, fünfzig Meter abseits. Ängstlich drückt sich das rotbraune Dunenjunge in eine Mooskuhle, denn die Alten trompeten aufgeregt über das Moor. Es sind Warnrufe, wonach die Küken instinktiv die erste beste Deckung suchen oder sich an Ort und Stelle an den Boden drücken. So fallen sie am wenigsten auf. Dieser Instinkt ist wohl allen Nestflüchtern angeboren. Auf dem Rückweg nach Ukta [Kreis Sensburg] bleibe ich mit dem Fahrzeug im Schlamm stecken. Allein komme ich hier nicht raus, es muß ein Traktor her. Das Malheur hat auch seine gute Seite. Typisch krächzend verrät sich im Gelände eine Blauracke. Schon ist sie im Astloch einer alten Birke verschwunden: ihr Brutplatz! Eingebettet in den Mulm des morschen Holzes liegen vier porzellanweiße Eier. Der Frühling zieht sich hin, selbst jetzt Ende Mai ist die Vegetation gegenüber Mecklenburg weit zurück. Aber die Wiesen und Seeufer, Erlenbrüche und Wälder sind längst durch den Gesang der Vögel lebendig: Heidelerchen und Braunkehlchen, Schwirle, Rohrsänger und Sprosser, Karmingimpel, Pirole und Drosseln. Im Reservat der Graureiherkolonie bei Luknajno ist es ruhiger. Vor Jahren gab es hier noch Kormorane, und in alten Reiherhorsten soll gelegentlich auch der Wanderfalke gebrütet haben. Die Kormorane sind abgewandert, vermutlich zum nördlich gelegenen Mamry-See [Mauer-See, Kreis Angerburg]. Die Wanderfalken sind – wie überall in Europa – auch hier vom Aussterben bedroht. Es blieben ein paar Dutzend Graureiher, die weiter in den stattlichen alten Kiefern horsten. Berühmt wurde das Reservat Luknajno [Lucknainer See, Kreis Sensburg] durch seinen »Schwanen-See«, Europas größtes Reservat von wilden Höckerschwänen. Das seichte Gewässer war früher eine Ausbuchtung des Sniardwy [Spirding-See] und beginnt heute zu verlanden. Es bietet besonders den Wasservögeln beste Lebensbedingungen, und außer den Tausenden Enten und Bleßrallen, die in der Zugzeit hier Zwischenstation machen, brüten bis zu eintausend Höckerschwanpaare. Aus dem dichten Vegetationsrand dringt ein schweineartiges Quieken. Ohne Zweifel eine Wasserralle, die hier verborgen im Dickicht lebt. Und ich finde auch wirklich ihr Gelege, meisterhaft getarnt in einer Grasbülte. Die sonst scheue Wasserralle ist wider Erwarten vertraut. Kaum bin ich in der Tarnung verschwunden, schon steckt sie ihren langen roten Schnabel durch die Grashalme und steht im Nest. Aber das geöffnete Dickicht ihres Brutplatzes behagt ihr nicht, sie zupft an den Halmen, um es zu schließen. Bemüht um ihre Eier, dreht sie sich hin und her, bis schließlich eines aus dem Nest rollt. Zu meiner Verwunderung löst die Wasserralle das Problem, indem sie das Ei mit dem Schnabel ergreift und unverletzt in das Nest zurücklegt. Später versuche ich sie mit einer hellen Eiattrappe vor dem Nest zu täuschen. Und auch hier passiert das gleiche: Als die Ralle das vermeintliche Ei entdeckt, steigt sie ins Wasser und holt es ins Nest. Über dem Luknajno-See [Lucknainer See, Kreis Sensburg] kreist ein Fischadler, er ist auf Beute aus. Schon steht der Adler rüttelnd wie ein Falke in der Luft, stößt plötzlich ins Wasser und hat es schwer, seine Beute in die Luft zu heben. Vor Jahren fand ich hier mit einem Freund weitab vom Wasser einen Horst auf einer alten schrägen Kiefer. Im nächsten Herbst stürzte dieser mit Holzknüppeln überladene Adlerhorst zu Boden. Die Adler würden hierher nicht mehr zurückkehren. Ein Gärtner, ein ehemaliger Zapfenpflücker, faßte sich ein Herz und baute in der Krone einen neuen Horst. Und die Adler bezogen im Frühjahr ihren Brutplatz, als wäre nichts geschehen. Nach dem letzten schneereichen Winter lag der Horst wieder unten. Bevor die Fischadler im April aus ihrem Winterquartier zurückkamen, brachte ich in der Kiefernkrone erneut eine Nestunterlage an. Schon zwei Wochen nach ihrer Ankunft hatten die Adler so viel Geäst herangeschafft, daß der neue Horst vom alten kaum zu unterscheiden war.
Obwohl auf den Straßen bereits die ersten Touristen auftauchen, ist an den Seen von Urlaubern noch kaum etwas zu spüren. Die beliebten Inseln, die Anlegeplätze der Segler im Sniardwy [Spirding-See], dem masurischen Meer, liegen noch verlassen, als wären sie niemals Kultstätten der Heiden und Anlaufpunkte von Wasserwanderern gewesen. Von der Höhe Szeroki Oströws [Spirdingswerder, Kreis Johannisburg], der Breiten Insel, reicht der Blick weit über den Sniardwy [Spirding-See], zur Linken Czarci Oströw und Pakcza (Teufels- und Spinneninsel) [Fort Lyck (Teufels-Werder), Kreis Johannisburg]. Ein Damm verbindet Szeroki Oströw [Spirdingswerder, Kreis Johannisburg] mit dem Festland. In der Schenke von Zdory [Sdorren / Dorren, Kreis Johannisburg], einem nahe liegenden Dorf, erzählt man mir, daß die Insel früher bewohnt war. Sechs Gehöfte sollen dort gestanden haben. Aber nur Zeugen der Eiszeit, mächtige Findlinge, die als Grundmauern die Gebäude trugen, sind hin und wieder noch erkennbar. Für die Insel Szeroki [Spirdingswerder, Kreis Johannisburg] ist es sicher kein Nachteil, daß sie nun unbewohnt ist, eine Oase in der großartigen Landschaft Masurens. Zdory [Dorren] zählt zu den storchenreichsten Orten Masurens: Sechzehn besetzte Storchenhorste in einem Dorf sind gewiß nicht alltäglich. Doch in der Schenke weiß niemand, wieviel es wirklich sind. Auf jeden Fall waren es früher mehr, wenigstens fünfzig Nester, meint ein Väterchen. Sicher übertreibt er maßlos, denn heute ist Zahltag. ________________________ 1. Von der Redaktion wurden in [eckigen Klammern] die alten deutschen und/oder masurischen Namen hinzugefügt. 2. Hier wird von Autor
das DDR-Geschichtsbild nach polnischer Lesart dargestellt. Diese Darstellung
widerspricht den heute gültigen Fakten.
Beispiele: Die Vertreibung der Deutschen hieß im DDR-Sprachgebrauch
"Umsiedlung". - Die bis 1945 gültigen Orts- und Flurnamen der alten deutschen
Ostgebiete wurden in der DDR nicht verwendet, sondern nur die ab 1946
eingeführte polnische Namensgebung. Die polnischen Namen sind nicht immer
identisch mit den alten masurischen Namen.
|
|