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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Ortsansichten: Gr. Rosinsko (Großrosen)
(Gründung: 1471 als Freigut nach Magdeburgischem Recht mit 60 Hufen)

Kirchenchronik Groß Rosinsko
bearbeitet und herausgegeben vom
letzten Pfarrer an der Kirche Groß Rosinsko
Viktor Kühn

Vorgeschichte und Besiedlung

In vorgeschichtlicher Zeit hausten in unserer Gegend sehr vereinzelt Menschen in kümmerlichen Hütten an den Ufern der Seen und auf Pfahlbauten, die auf trocken gefallenem Seeboden angelegt waren. Sie ernährten sich ursprünglich von Wild und Fischfang und sind dann später durch Berührung und Einflüssen aus dem Westen zu Ackerbau und Viehzucht übergegangen.

Während hartwestlich von uns etwa zwischen dem Oberlauf der Alle und dem Spirdingsee die Galinder wohnten, war der südöstliche Teil Ostpreußens etwa mit den Kreisen Lyck und Johannisburg und den Südzipfeln der Kreise Lötzen und Treuburg von den Sudauern besiedelt, deren Gebiet sich über die erst 1422 festgesetzte Landesgrenze bis zum Niemen und Narew erstreckte. Beide Stämme, die Galinder und Sudauer, gehören nach Sprache und Kultur zu dem baltischen Volk der Prußen. -

In das Licht der Geschichte tritt unsere ostpreußische Heimat nach einigen vorangegangenen, aber vergeblichen Bekehrungsversuchen recht eigentlich erst seit der Eroberung und Christianisierung Ost- und Westpreußens durch den Deutschen Ritterorden. Herzog Konrad von Masowien, des etwa südlich der ostpreußischen Grenze liegenden, später polnischen Gebietes, konnte sich der kriegerischen Einfälle der Prußen nicht mehr erwehren und rief daher 1225 den Deutschen Ritterorden unter seinem damaligen Hochmeister Hermann von Salza um Hilfe an. Dieser Ritterorden, der zur Zeit der Kreuzzüge im heiligen Land in Jerusalem gegründet worden war, hatte nach Beendigung der Kämpfe dort keine rechte Aufgabe mehr. Im Prußenland, das bislang heidnisch war, erhielt der Orden also eine neue Aufgabe, die er - ausgestattet mit Vollmachten der beiden höchsten Mächte des Abendlandes, Kaiser und Papst - in den Jahren 1226 bis 1230 mit der Eroberung unserer Heimat in Angriff nahm.

Es bedarf heute der besonderen Erwähnung, daß Konrad von Masowien 1230 dem Orden urkundlich das Kulmer Land, aus dessen Raum sich die Kriegszüge gegen das Preußenland entwickelten, als Gegengabe für den gewährten Grenzschutz übereignete; daß Kaiser und Papst dem Deutschen Orden diese Schenkung bestätigten und das zu erobernde Land als freien Besitz für ewig zusprachen.

Aus militärischen Gründen rückte der Orden zunächst die Weichsel abwärts, dann entlang der Küste des Frischen Haffs nach Norden vor, sicherte das Gebiet durch Anlage von Burgen und festen Plätzen, aus denen dann die Städtegründungen Ost- und Westpreußens hervorgingen. Nach Sicherung dieser Linie rückte er ostwärts ins Innere des Landes vor, u. z. zunächst bis zur Alle; später dann in den östlichen Teil des Landes und damit auch in unsere Gegend. Hier leisteten nun die Ureinwohner, die Sudauer, aus ihren durch Wald, See und Sumpf gut gedeckten Schlupfwinkeln ganz besonders zähen Widerstand sowohl der kriegerischen Unterwerfung als auch der ihr folgenden Bekehrung und Taufe. Sie wollten von dem Christengott nichts wissen, sondern ihren Naturgottheiten, die in heiligen Hainen verehrt wurden, treu bleiben.

Wegen ihrer Hartnäckigkeit wurden die Sudauer nach einem zehnjährigen Kampf in den Jahren 1275-1285 teils aus ihrer Heimat nach dem Samland nordwestlich von Königsberg umgesiedelt, wovon dortige Ortsnamen bis in unsere Zeit Zeugnis ablegten. Teils sind sie nach Osten abgewandert. So blieb unser Raum weithin menschenleer und hieß lange Zeit mit dem ganzen Gebiet östlich der Alle die »Wildnis«. Hier waren damals der Elch und Ur, der Hirsch und der wegen seines teuren Felles besonders wertvolle Biber zu Hause. Und in unseren Wäldern zwischen Seen und Sümpfen blies das Jagdhorn zur Jagd der Ordensritter und ihrer fürstlichen und ritterlichen Gäste. Für diese letzteren war es damals eine im ganzen christlichen Abendland begehrte hohe Ehre, aus den fernen deutschen Gauen auf Einladung des Ordens an dessen Heidenfahrten - besonders gegen die heidnischen Litauer - und an ihren Jagden teilzunehmen.

Während der westliche Teil Ostpreußens mit den preußischen Ureinwohnern, den umgesiedelten Sudauern und Galindern und vor allem durch Einwanderungsströme aus den deutschen Reichsgebieten damals schon in Stadt und Land eine hohe Einwohnerzahl aufweist, bleibt unsere Gegend lange Zeit menschenarm. Wenn auch die benachbarten Städte Johannisburg etwa 1342 und Lyck 1398 schon genant werden, so waren das damals doch nur vorgeschobene Posten oder feste Plätze in einem gefährdeten Gebiet, aus denen sich vorläufig noch keine Städte und Märkte entwickeln konnten, weil ihnen das Hinterland mit bäuerlicher Bevölkerung fehlte.

Nach der für den Orden unglücklichen Schlacht von Tannenberg 1410 und dem dreizehnjährigen Krieg 1454 bis 1466 war der Orden nicht mehr in der Lage, den östlichen Teil des Landes, die »Wildnis«, allein mit altpreußischen und deutschen Siedlern zu besiedeln. Da öffnete er die südlichen Grenzen einem breiten Einwandererstrom aus dem Herzogturm Masowien, aus dem bisher nur vereinzelt Waldarbeiter und Bienenzüchter, sogenannte »Beutner«, eingesickert waren. Und in diese Zeit fällt nun der Beginn der Besiedlung unseres Kirchspiels.

Ein Blick auf die Landkarte diesseits und jenseits der alten Reichsgrenze und ihre Ortsnamen läßt heute noch Vermutungen und Schlüsse auf die Herkunft jener ersten Siedler zu, die auf Ordensgebiet Dörfer und Ansiedlungen gründeten, die sogenannten »Lokatoren«. So haben doch wohl Bauern aus dem damaligen Guty unser Gutten (Gutten R, ab 1938 Reitzenstein) , aus Bzury unser Bzurren (Surren), aus Sokoly unser Sokollen (Sokollen R, ab 1938 Rosensee) usw. gegründet; alles Orte, die hart jenseits der damaligen Reichsgrenze, die ja auch die Grenze unseres Kirchspiels war, lagen. Solche Vergleiche wie die eben angeführten, lassen sich beliebig vermehren. Ebenso könnte man wohl viele unserer masurischen Familiennamen auf ihren Ursprung aus damals masowischen Dörfern herleiten.

Und doch trifft das nicht die ganze Wahrheit. Denn diese masowischen Einwanderer haben sich selbstverständlich mit altpreußischen Resten und mit deutschen Siedlern vermischt, so daß eine klare Scheidung in unserer Zeit nicht mehr möglich war. Viele deutsche und nichtmasurische Familiennamen bestätigen das.

Jedenfalls sind die Einwanderer gern über die Grenze in das Ordensland gekommen. Höhere Kultur, bessere Erwerbsmöglichkeiten, gerechte Besteuerung und vor allem persönliche Freiheit bildeten die Anziehungspunkte. Waren sie doch zu oft Objekte der Ausbeutung ihrer Fürsten und Oberen gewesen, während es dem Deutschen Orden um die wirtschaftliche und geistig kulturelle Hebung des Landes und Volkes ging. - In dieser Fürsorge lag wohl der Keim, der dann im Laufe der kommenden Jahrhunderte gute Frucht getragen hat. Denn die Masuren sind stets ein ihrem König und der gottgewollten Obrigkeit in Treue ergebener und staatserhaltender Bevölkerungsteil unseres großen Vaterlandes gewesen. Diese Tatsache bedarf keines Beweises für den, der je etwas von der Abstimmung des Jahres 1920 mit seinem eindeutigen Bekenntnis zum Deutschtum gehört oder gesehen hat. -
 

Gründung und alte Kirche

Unser Kirchdorf Groß Rosinsko, der Mittelpunkt des nach ihm benannten Kirchspiels, soll nach alter Überlieferung von drei Siedlern gegründet worden sein. Da die Dorfgemarkung angeblich diese nicht ernähren konnte, da z. B. im Süden der Wald bis an die Kirchspielschule heranreichte und im Norden nach der Miszadla hin sumpfiges Gebiet war, schoben die beiden ersten den dritten mit Namen Dzietko ab, der dann das Dorf Klein Rosinsko gründete. Dieses hieß noch bis etwa 1900 Dzietken nach seinem Gründer.

Im Jahre 1471, als die Blütezeit des Deutschen Ritterordens längst vorüber war, erhielt Groß Rosinsko vom Orden seine Gründungshandfeste, die die Rechte und Pflichten des Landesherrn und der nach Magdeburgischem Recht freien Bauern festlegte. Später wurde das Kulmische Recht verbindlich, weshalb die Besitzer bis ins vergangene Jahrhundert hinein in unseren Kirchenbüchern »Köllmer« genannt werden.

Eine zweite Handfeste (Anm.: Handfeste = ursprünglich Urkunde, vom Aussteller durch Handauflegen bekräftigt, später einer Stadt vom Stadtherrn verliehenes Privileg) liegt ebenso wie die erste im Staatsarchiv in Göttingen. Sie ist datiert vom 19. Mai 1476. Die von 1471 hat folgenden Wortlaut:

Rusinsker Hantfeste

 


Wir, Bruder Seyfried Vlach von Schwarzenberge, oberster Trappier und Komtur zur Balge (Bolga) des Ordens der Brüder des Hospitals Sankt Marien des Deutschen Hauses von Jerusalem, tun kund und bekennen öffentlich mit diesem unserem offenen Briefe vor allen und jeglichen, die ihn sehen, hören oder lesen, daß wir mit Verhängnis der gar ehrwürdigen Herrn, Herrn Heinrich von Richtenberg, unseres Hochmeisters, und mit Rat, Wissen, Willen und Vollbort unserer ältesten Brüder zur Balge geben und verliehen, gegeben und verleihen  (haben) unseren Getreuen, also Matz, George, Hans und Bartholomäus, Gebrüder, und Matz und Paul, ihrer Schwester Söhnen und auch Hans und Jakob, ihren rechten Erben und Nachkommen, 60 Hufen, auf Rosinsken gelegen, binnen solcher Grenzen und Rainen, also sie ihnen von altersher von unsern Brüdern oder Anwälten bezeichnet sind an Acker, Wiesen, Weiden, Wäldern, Büschen, Brüchen und Sträuchern, ausgenommen die Jagd und Waidwerk, das wir für unsere Herrlichkeit behalten, im Gebiet Johannisburg gelegen, frei von Zehnten und bäuerlicher Arbeit und frei, erblich und ewiglich zu Magdeburgischem Rechte zu besitzen.

Um dieser unsrer Begnadigung willen sollen sie ihre rechten Erben und Nachkommen, uns und unserm Orden verpflichtet sein, zu tun zwei tüchtige und redliche Dienste mit Hengst und Harnisch nach dieses Landes Gewohnheit zu allen (Kriegs-) Geschreien, Landwehren und Reisen, neue Häuser zu bauen, alte zu bessern, und die getreulich helfen zu wehren wider alle unsers Ordens Widersacher, wann, wie oft und wohin sie von uns oder unsers Ordens Brüdern werden geheißen.

Auch so sollen sie uns und unserm Orden verpflichtet sein, alle Jahr jährlich auf unser Haus Johannisburg von jeglichem Pfluge oder Morgen einen Scheffel Weizen und einen Scheffel Roggen zu geben und von jeglichem Dienste ein Krompfund und Wachs und einen köllmischen Pfennig oder fünf preußische Pfennige auf Martini, des heiligen Bischofs Tag, zur Bekenntnis der Herrschaft.

Auch von sonderlichen Gnaden so geben wir ihnen die Gerichte, beide große und kleine, allein über ihre Leute und binnen derselbigen Hufengrenze Straßengerichte, ausgenommen, was wir für unsers Ordens Herrlichkeit zu richten (vor) behalten.

Wir wollen auch, wenn hernachmals dieselbigen Hufen (noch =)gemessen werden, was daran Gebrechen (zu wenig) würde sein, wollen wir oder unser Orden nicht verpflichtet sein zu erfüllen, und was da übrig (darüber) würde sein, damit wollen wir es halten nach unserm Willen.

Des zur Bekenntnis und ewiger Sicherheit haben wir unsers Amtes Siegel an diesen Brief lassen hängen, der da gegeben ist auf unserm Hause Johannisburg, Anno 1471.
 

 
Groß Rosinsko soll in alter Zeit von einem Palisadenzaun umgeben gewesen sein, der fünf Eingänge hatte, die nach Dunkelwerden nur den Einheimischen geöffnet wurden. Wehe dem Fremden, der vergeblich vor Räubern und wildern Tieren, die das Land damals unsicher machten, Schutz suchte und draußen bleiben mußte.

Wann die Kirche in Groß Rosinsko gegründet wurde, ist leider unbekannt. Eine Gründungsurkunde fehlt. Sie ist Tochterkirche der Kirche Drygallen, von der urkundlich nachgewiesen ist, daß sie (Drygallen) 1438 einen Kaplan hatte.

Zu unserer Kirchengemeinde gehörten folgende achtzehn Dörfer, deren Ortsnamen 1937 oder auch früher umgeändert wurden; letztere werden in Klammern mit aufgeführt: Groß und Klein Rosinsko (Großrosen, Kleinrosen), Jebrammen (Bachort), Czytrki (Kolbitz), Bzurren (Surren), Olschewen (Kornfelde), Krzywinsken (Heldenhöh), Nowaken (Brüderfelde), Kybissen (Kibißen), Taczken (Tatzken), Czyrnien (Dornberg), Dybowen (Diebau), Marchewken (Bergfelde), Klein Rogallen, Kurziontken (Seeland), Woytellen (Woiten), Gutten R (Reizenstein) und Skrodzken (Jagdhof).

Vor Gründung der Kirche Skarzinnen gehörten die Dörfer Groß Rogallen, Sokollen und Karpinnen, vor Gründung der Kirche Baitkowen (Kr. Lyck) die Dörfer Baitkowen (Kr. Lyck), Andreaswalde (Kr. Johannisburg) und Kölmisch Rakowen zu unserem Kirchspiel.

Der Sage nach soll die heilige Anna die Erbauerin unserer Kirche sein, deren Gebeine in der Altargruft der alten Kirche gelegen haben sollen. Sie war ursprünglich eine strohgedeckte Holzkirche, erbaut aus dem Holz des nahen Waldes, und stand unmittelbar südlich der 1892 erbauten neugotischen Backsteinkirche.

Die Gründung unserer Kirche geschah noch in katholischer Zeit, d. h. vor 1525. Denn in diesem Jahre führte der letzte Hofmeister des Deutschen Ritterordens, Albrecht von Hohenzollern, auf den persönlichen Rat Martin Luthers hin die Reformation ein, legte die Hochmeisterwürde ab, und verwandelte den geistlichen Ordensstaat in ein westliches Herzogtum, dessen erster Herzog er wurde. Unsere Heimat wurde damals das erste deutsche Land lutherischen Bekenntnisses.

Daß unsere Kirche vorreformatorischen Ursprungs ist, wird auch dadurch erhärtet, daß sie Wallfahrtskirche war. Zu Christi Verklärung am 6. August kamen alljährlich in alter Zeit Wallfahrer nicht nur aus unserem Kirchspiel, sondern sogar aus Nachbarkreisen, um an dem Altar der Kirche zu beten und zu opfern. Der Altar soll an diesem besonderen Tage wunderkräftig gewesen und die Gebete, die an seinen Stufen verrichtet wurden, alle in Erfüllung gegangen sein. Die Holzbehälter auf dem Altar, die wohl alte Getreidemaße waren, flossen dann von den Gaben und Opfern der Wallfahrer über. Ursprünglich wurden diese Gottesdienste nur in masurischer Sprache gehalten und haben sich bis in unsere Tage hinein erhalten.

Gemäß einer geäußerten, aber nicht bezeugten Meinung stand die alte Holzkirche 310 Jahre. Da sie nach Fertigstellung der Neuen 1893 abgebrochen wurde, wäre sie somit 1583 erbaut. Diese Jahreszahl hat sich im Turm der alten Kirche gefunden. Wenn wiederum nach einer anderen, leider auch nicht belegten Ansicht der Turm erst 120 bis 150 Jahre nach Gründung der alten Kirche angebaut worden ist, würde sich das Jahr 1583 auf den Bau des Turmes, nicht aber auf den der Kirche beziehen. Demnach fiele die Gründung der Kirche in die Zeit von 1430 bis 1460. Leider wissen wir nichts genaues. - Der älteste bekannte Pfarrer von Groß Rosinsko hieß Paul Rosnitzki; er wird 1590 erwähnt.

Der Altar der alten Holzkirche, der die Jahreszahl 1667 trug, hatte einen gut gearbeiteten barocken Aufsatz mit einem Ölgemälde zwischen zwei korinthischen Säulen, das die Kreuzigung mit Maria, Johannes und Maria-Magdalena darstellte; rechts und links der Säulen die vier Evangelisten in geschnitzten flügelähnlichen Umrahmungen; in einem Aufsatz darüber ein Bild der Himmelfahrt Christi.

Die Kanzel mit der Jahreszahl 1687 - wahrscheinlich ebenso wie der Altar älteren Datums - war achteckig geschnitzt und hatte in seinen Feldern ebenfalls die Bilder der vier Evangelisten, die in Wasserfarben gemalt waren. Einer von ihnen hielt ein Bild, das einen Engel mit einer Friedenspalme zeigte zur Erinnerung an den Tatareneinfall 1656, wovon die Chronik sogleich berichten wird.

Vor dem Altar hing ein hölzerner Hirschkopf mit einem Geweih, das als Kronleuchter diente.
 

Tatareneinfall

Das größte Ereignis in der Geschichte unserer Kirche, des Dorfes und der Gemeinde, bildet der Tatareneinfall. Hierüber hatte unser Pfarrer Fischer in seiner nun auch verlorenen Chronik berichtet, die bis 1590 zurückreichte. -  Es geschah 1656, als Pfarrer Stankowius Pfarrer an unserer Kirche war und sein Nachfolger, Pfarrer Molitor - geb. 1616, von 1656 bis 1682 Pfarrer in Groß Rosinsko - noch Rektor an unserer Schule war. -

Der Landesherr, Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, stand mit seinem kleinen Heer am Rhein, um den Franzosen zu wehren. Unsere Heimat lag offen und ungeschützt. Da fielen von Osten und Süden kommend die Tataren unter Führung des litauischen Obersten Gonsiewski in unsere Heimat ein. Ein Pulk dieser Horden ritt an einem Sonntag, als die Gemeinde in der Kirche versammelt war, in das Dorf Groß Rosinsko und brachte furchtbares Leid über seine Bewohner. Die älteren Leute wurde erschlagen, Kinder zerschmettert oder aufgespießt, die jüngeren starken Männer gefesselt und Frauen und Mädchen geschändet. Während die Gefesselten auf dem Dorfanger lagen, wurden die Häuser angezündet und aus dem Dorfkrug Lebensmittel und Branntwein geholt, wurde gepraßt und gezecht. Ihre Pferde hatten die Tataren in der Kirche untergestellt, wo sie Hohn und Spott trieben, und schon rings um das Gotteshaus Holz geschichtet, um es alsbald in Flammen aufgehen zu lassen. Da plötzlich entdeckte der Anführer ein Bild in der Kirche, das ihm bedeutete, daß dieser Ort ein geweihter und heiliger Ort sei. Sofort gebot er den Brandstiftern Einhalt, so daß die Kirche durch dieses Wunder vor dem Raube der Flammen gerettet wurde.

Auch andere Bilder machten einen ähnlichen Eindruck, von denen nur noch das eine vorhanden war, das wir alle noch kennen. Es hatte im mittleren Fenster des Altarraumes ind der neuen Kirche seinen Platz gefunden und stellte kreisförmig mit einem Durchmesser von nur 20 cm die Umarmung des hl. Joachim mit der hl. Anna dar.

Während unsere Kirche auf so wundersame Art erhalten blieb, wurden 1656 in unserer Umgebung die Kirchen von Drygallen, Ostrokollen und Nikolaiken durch Brand zerstört.

Unter den wenigen, die sich vor dem Tataren retten konnten, war der schon erwähnte Rektor Molitor, der in die Worguller Sümpfe bei Drygollen flüchtete, sich dort 14 Tage lang verborgen hielt und von Baumrinde und Wurzeln ernährte. Sein Vorgänger, Pfarrer Stankowius, und dessen Frau sollen nach der Krim verschleppt worden sein.

Pfarrer Molitor hat vor seinem Tode ein Lied von über vierzig Strophen gedichtet, das sogenannte »Tatarenlied«, das in das masurische Gesangbuch aufgenommen wurde. Es begann mit den Worten: »Teures Vaterland, netze dich mit Tränen!« Hierin schildert er die Schrecken des Tatareneinfalls und ruft sein Heimatland zur Buße: Preußenland höre! Wenn auch die Zuchtrute jetzt von uns genommen ist, so wirst du wenn du dich nicht besserst, um deiner Missetaten willen noch schreckliches empfangen und deine irdische Heimat verlieren! - Ein prophetisches Wort, dessen furchtbare Erfüllung unser Geschlecht in seiner ganzen Härte erfahren sollte. - Er nimmt dann in dem Liede Abschied von seiner geliebten Kirche, Altar und Kanzel, und befiehlt seine Gemeinde unter den Schutz und Schild des Herrn bis ans Ende der Welt.   

Pfarrer Molitor hat ebenso wie sein Nachfolger, Pfarrer Fischer seine letzte Ruhestätte unter der großen Linde mit der runden Bank gefunden, die der Mittelpunkt und Schmuck unseres Kirchplatzes bis in unsere Tage geblieben war. -

Noch eine andere Geschichte erzählt die die Chronik aus dieser unglücklichen zeit. Eine Frau Kallisch, deren Stammhof wohl in Kurziontken lag, wurde von den Tataren als Sklavin in die Türkei verschleppt. Nach etwa zwanzig Jahren kehrte sie, eine müde und gealterte Frau, in die Heimat zurück. Unerkannt kam sie in ihr Haus, in dem längst eine zweite Frau schaltete und waltete. Schrecklich war das Erkennen, besonders für den Mann. Sie aber begehrte nur einen stillen Platz im Hause, um zu helfen und die Kinder mit zu versorgen, was ihr gern gewährt wurde.
 

Pest, Krieg und »Revolution«

Nach Jahrzehnten ruhigen und fleißigen Schaffens kam mit der Pest, dem »schwarze Tod«, in den Jahren 1709 bis 1711 abermals eine große Not auch über unsere Dörfer. In kurzer Zeit starben die von der unheimlichen Krankheit Befallenen unter furchtbaren Krämpfen und Schmerzen vor den Augen ihrer Angehörigen dahin. Abends vor dem Schlafengehen verabschiedete man sich voneinander, weil keiner wußte, ob er den morgigen Tag noch sehen würde. In einigen unserer Dörfer blieben nur ganz wenige am Leben. Das Dorf Rossa, zwischen Karpinnen (Dreilinden) und Dmussen (Dimussen) gelegen, starb völlig aus und wurde nicht wieder aufgebaut.

Im Jahre 1781 wurde in Groß Rosinsko der »Amtskrug« von der Regierung eingerichtet. Ein solcher »Amtskrug« hatte den Zweck, wandernden Handwerksburschen Unterkunft zu gewähren, und war außerdem verpflichtet, ihnen warmes Frühstück und Abendbrot zu reichen. Dafür erhielt der Amtskrüger jährlich dreißig Raummeter Klobenholz und eine Hufe Land, die auf Walisko hinter Kolbitz lag. - Der erste Amtskrüger bei uns war der Urgroßvater unseres Wilhelm Manko, Johann Manko, der auch Kirchenältester war. Nach dessen Tode übernahm sein Sohn, Leopold Manko, 1825, im Jahre 1873 dann der Vater des jetzigen den Krug. 1890 wurde das Privileg aufgehoben, die Wirtschaft blieb in den Händen der Familie (Anm.: bis zum Ende des Krieges 1945).

Auch von der Franzosenzeit mit dem unglücklichen Krieg 1806 bis 1807 und dem Zug Napoleons nach Rußland 1812 bis 1813 blieb unser hart an der Grenze gelegenes Kirchspiel nicht verschont. Soweit sie Einquartierung hatten, litten die Menschen unter dem hochmütigen und anmaßendem Wesen der welschen Eindringlinge. Nun wir können uns denken, daß die damals sehr einfache Kost der masurischen Bäuerin der verwöhnten Zunge des Franzosen wenig behagte. Aber auch von den hochherzigen und edlen Franzosen wußte manche Alten Rühmendes zu sagen.  - Als dann nach dem Brand von Moskau und dem Übergang über die Beresina diese stolze Armee geschlagen auch über unsere Straßen zurückfluteten, blieb wenig in den Kellern und Scheunen unserer Bauern zurück. Und was noch blieb, das haben dann die "Befreier" genommen, die aus dem Osten kamen, um zusammen mit Preußen und Österreich Napoleon den Garaus zu machen. - In jener Zeit blieb ein Franzose in Groß Rosinsko hängen mit Namen Dittomwe, dessen Familie bei uns sesshaft geblieben ist. -

1844 war ein schreckliches Jahr. Dauernde Nässe ließ Korn und Heu verfaulen. Als dann noch zu früh der Frost einsetzte, verhungerte das Vieh im Stall. Baumrinde nahm man zum Strecken des Brotgetreides und viele kamen vor Hunger und Kälte um.

1847 bis 1848, zur Zeit des Pfarrers von Popowski, brach die Cholera aus. Als keiner die Leichen beerdigen wollte, übernahm die Hebamme diese schwere Pflicht, die Großmutter von Adolf Jesgarz, eine Salzburgerin.

Ein Ereignis, das heute humorvoll stimmt, damals jedoch die Gemüter in Groß Rosinko über die Maßen erregte, fällt in die Zeit um 1850 anläßlich der sogenannten Separation. Diese löste die alte Parzellenwirtschaft ab, nach der früher das gesamte Gemeindeland in drei Teile aufgeteilt war. Jeder Hofbesitzer hatte auf jedem Teil einen der Größe seines Grundstückes entsprechenden breiten oder schmäleren Streifen zum Ackern. Einer der drei Teile war die gemeinsame Weide, auf der der Dorfhirte das Vieh des ganzen Dorfes weidete. Die Separation oder auch Sezession genannt, das heißt Absonderung oder Trennung, machte diesem Zustand ein Ende, indem jedem Besitzer sein Land in geschlossenen Stücken, der Größe seiner bisherigen Anteile entsprechend, abgemessen und zugeteilt bekam.

Nun machten sich verschiedene Bauern aus dem Dorf an den Landmesser heran, der von der Regierung mit der Aufmessung und Zuteilung beauftragt war, um sich mit ihm zu verbrüdern und auf diese Weise ihr Land recht vorteilhaft in möglichster Nähe des Dorfes oder bester Güte des Bodens zu erhalten. Sie wurden verächtlich die »Schmuser« genannt. Gegen diese Ungerechtigkeit erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Unter der Führung des Bauern Olschewski und des Bauern und Amtskrügers Manko - beide Großväter der heute noch Lebenden - grub man die Grenzsteine, die der ungetreue Landmesser gesetzt hatte, nachts wieder aus und warf sie beiseite. Der Landmesser sah sich gezwungen, Meldung zu machen, worauf eine Kompanie Soldaten aus Johannisburg anrückte, um dieses meuternde Dorf zu besetzen und zur Räson zu bringen. Sollte nun wirklich die Ungerechtigkeit durch Gewalt siegen? Olschewski war so entrüstet, daß er beschloß, nach Berlin zu reisen und zum König von Preußen zu gehen, der übrigens der Patron unserer Kirche war. "Wenn ich kein Recht bekomme, so will ich mit zwei brennenden Kerzen vor des Königs Majestät treten, vor ihm niederknien und um mein Recht bitten" soll er gesagt haben.

Aber er brauchte nicht so weit zu reisen. Die Soldaten rückten, über Bialla kommend, an. In den Dörfern wurden sie auf dem Marsch von den Leuten, die längst von der »Revolution« in Groß Rosinsko Kunde bekommen hatten, gewarnt: »Ihr kommt ohne Köpfe zurück!« Vor dem Dorf angekommen, sandte der Offizier Quartiermacher ins Dorf. Da gingen Olschewski und Manko zu dem Kompanieführer hinaus und erstatteten wahrheitsgetreu Bericht. Sie wollten keinen Ungehorsam gegen die Obrigkeit begehen, sondern bäten nur um ihr Recht. Die Kompanie rückte ein; jeder gab seinen Quartiergästen das beste aus Küche und Keller. Als die Soldaten nach wenigen Tagen wieder abrückten, war der Landmesser abgesetzt. Ein neuer kam. Die Schmuser bekamen das Land, das am weitesten vom Dorf entfernt lag; die übrigen Stücke wurden durch das Los verteilt. - So hatte das Recht gesiegt.
 

Neueste Zeit - neue Kirche

In den Einigungskriegen 1864, 1866 und 1870/1871 hat mancher Sohn unseres Kirchspiels als braver preußischer Soldat sein Leben für König und Vaterland hingegeben.

Nach Bekanntgabe der Mobilmachung 1870 hatten sich die jungen Krieger, bevor sie hinauszogen, durch Wort und Sakrament gestärkt.

Sonst aber ging diese Zeit ohne besondere Spuren an unserer abgelegenen Heimat mit ihren Menschen, Höfen, Feldern und Fluren vorüber. In den folgenden Jahrzehnten wirtschaftlichen und industriellen Aufschwunges unseres großen Vaterlandes  zogen viele zweite und dritte Söhne von ihren väterlichen Höfen, da sie nicht als Knechte dienen wollten, nach Westen ab. Dorthin lockte sie höherer Lohn, festgesetzte Arbeitszeit und wohl auch die Abwechslung größerer Städte. Die meisten gingen in das Ruhrgebiet und förderten unter Tage die Ruhrkohle. Manch einer von Ihnen ist zwar in seinem Alter mit einem schönen Stück Geld heimgekehrt. Aber matt und entnervt konnten sie sich meistens nicht mehr den Sitten und Gewohnheiten der Heimat einfügen.

Damit hatte die Landflucht begonnen, die sich in letzter Zeit auch schon auf unseren Höfen lähmend bemerkbar machte. Allerdings konnte dieser Not immer damit gesteuert werden, daß der Bauer sich einen polnischen Saisonarbeiter nahm, mit dessen Hilfe er sein Feld bestellen und die Ernte einbringen konnte. -

Schon überragte - wie oben erwähnt - seit 1892 der hohe und große Backsteinbau der neuen Kirche die niedrigen Dächer unseres Dorfes. Unter den letzen Konfirmanden dieses Jahres, die noch in der dann 1893 abgebrochenen alten Holzkirche von dem gestrengen Pfarrer Ammon eingesegnet wurden, waren die beiden Kirchenältesten unserer Tage, Johann Olschewski aus Groß Rosinsko und Johann Tomkowitz aus Olschewen. Dann weihte Pfarrer Ammon  am 23. Dezember 1892 die neue Kirche ein. Die Altar der alten Kirche, der für den großen Chorraum der neuen zu winzig gewesen wäre, fand seinen Platz in einer im Heimatmuseum im Königsberger Tiergarten aufgestellten masurischen Holzkirche. (Anm.: Während des Krieges wurde sie nach Hohenstein (Olsztynek) gebracht, wo sie noch heute in einem Museum steht).

Nach dem Tode des Pfarrers Ammon - dessen Sohn, Hauptmann Ammon, im zweiten Weltkrieg Oberst, in der Tilsiter Gegend nach 1918 in der nationalen Bewegung eine bedeutende Rolle spielte - wurde unsere Pfarrstelle mit Pfarrer Korella besetzt. In dieser Zeit wurde unser Kirchdorf Marktflecken, etwa 1905 bis 1906. Jährlich wurde ein Pferde-, Vieh- und Krammarkt abgehalten, bei dem es besonders abends und nach Mitternacht in den Dorfkrügen Manko und Ehrlich hoch herging. Grundsätzlich fehlten am nächsten Morgen etliche Staketen (Anm.: Zaunlatten) an den benachbarten Gartenzäunen, mit denen man mangels besserer Waffen die Auseinandersetzungen des Vorabends ausgetragen hatte.

Nach Pfarrer Korella kam Pfarrer Matern zu uns. In dessen Amtszeit fielen nun die ersten Schüsse jener Kosakenpatrouillen die am 2. August 1914 die Grenze unseres Reiches und damit auch unseres Kirchspiels auf ihren kleinen zähen Steppenpferden übertraten und damit jene große, aber furchtbare Zeit einleitete, die im Winter 1944 bis 1945 mit unserer Flucht und Vertreibung ihr vorläufiges entsetzliches Ende fand, über dessen Grauen der Chronist den Mantel des Schweigens decken möchte mit der Bitte des Vater unsers "Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern." -

Nach dem Fortgang von Pfarrer Matern (Anm.: nach Komilsko) amtierten dann an unserer Kirche die Pfarrer Wilamowski, Wisotzki - in dessen Amtszeit das Ehrenmal für die Gefallelen des Krieges auf unserem Kirchplatz eingeweiht wurde - Bußke und Kühn. -

In jahrzehntelanger treuer Schularbeit an der Kirchspielschule und dem damit verbundenen Organistenamt wirkten als letzte die Hauptlehrer - bei uns "Rektoren" genannt weil es in früherer Zeit Theologen gewesen waren - Bylda, Sensfuß, Bugschat und Scheffler. Männer, die je nach ihrer Eigenart das geistige Leben des Dorfes gebildet und befruchtet haben. - 

In den Jahren 1937 bis 1938 wurde eine große Renovierung unserer lieben Kirche durchgeführt. Eine lang ersehnte moderne Umluftheizung wurde unterirdisch eingebaut; der Innenraum der Kirche von einem Johannisburger Kirchenmaler sehr schön ausgemalt; das Dach umgedeckt und neben vielen anderen Arbeiten der Kirchplatz durch eine einheitliche Rasenfläche neu gestaltet, in dessen Mitte an der Stelle des Altars der alten Holzkirche ein Gedenkstein gesetzt wurde mit der Inschrift: »Hier stand der Altar der alten Kirche Groß Rosinsko 1583-1892«. Ein Festgottesdienst, an dem neben unserem Landrat Dr. Ziemer Superintendent Link aus Johannisburg, Pfarrer Braczko aus Drygallen, unserer Mutterkirche, Superintendent Willamowski als ehemaliger Pfarrer und Pfarrer Hildebrandt aus Adlig Kessel teilnahmen, schloß an einem schönen Septembersonntag des Jahres 1938 das Werk der Kirchenrenovierung ab. Abends fand ein zahlreich besuchter Gemeindeabend im Saal bei Manko die Gemeinde in festlicher Freude versammelt.

Ein furchtbarer Wirbelsturm der an einem Julisonntag 1939 die masurischen Kreise  Johannisburg, Lyck, Lötzen und Treuburg orkanartig heimsuchte, verursachte auch in unserer Gemeinde manche schweren Schäden. Ein überragend großer Ast der herrlichen uralten Linde auf dem Kirchplatz wurde abgerissen und eine große Esche im Pfarrgarten entwurzelt, daß sie fast den westlichen Giebel des Pfarrhauses erdrückt hätte. Viele haben damals in diesem Orkan ein göttliches Vorzeichen kommender Gerichte gesehen. Nun, wir sollten uns auch nicht mehr lange unseres schönen Gotteshauses und unserer Heimat erfreuen.

Das prophetische Wort des Pfarrers Molitor hat sich erfüllt. Das maß der Geduld Gottes war übervoll, denn die Sünde der Menschen nahm überhand. - Wir aber wollen unsere Chronik beschließen in der herrlichen Gewissheit unseres Glaubens, daß Gottes Zorn die Menschen zur Buße und durch Buße und Gnade zu neuem Leben führen will. So beugen wir Christen uns denn unter den heiligen Gotteswillen in Gericht und Gnade.

So meinte es der letzte Hochmeister des Deutschen Ritterordens und der erste Herzog von Preußen, Albrecht von Hohenzollern in seinem Liede:

Was mein Gott will, daß gscheh allzeit,
sein Will der ist der Beste.
Zu helfen dem der ist bereit,
der an ihn glaubet feste.
Er hilft aus Not der fromme Gott,
er tröst die Welt ohn Maßen;
wer Gott vertraut, fest auf ihn baut,
den will er nicht verlassen.
 

Sitte und Brauchtum

Sitten und Gebräuche in unseren Dörfern, Höfen und Häusern hatten alle ihren tiefen Grund im Glauben, teilweise auch im Aberglauben unserer Menschen. Der Masure ist seinem Wesen nach fromm und weis sein Leben und das Leben aller Kreatur bestimmt und abhängig von höheren Gewalten, über die der Mensch nicht Macht hat. Darum lebten unsere Menschen in Ehrfurcht vor den Heiligen, waren seit Urväterzeiten fromm und ihrer Kirche treu ergeben. Womit jedoch nicht ausgeschlossen war, daß sich manche Überreste aus katholischer, ja vorchristlich-heidnischer Zeit erhalten hatten, sodaß hier und da Gottvertrauen und Dämonenangst dicht beieinander standen.

Das Leben der Väter war hart, denn der Boden nicht allzu ergiebig. In der Sommer- und Erntezeit wurde vom Sonnenaufgang bis lange nach Sonnenuntergang hart gearbeitet. Aber auch im Winter mußten die Knechte schon um vier Uhr früh vom Strohsack. Der eine beschickte das Vieh, während der andere das gedroschene Korn vom Ofen nahm und reinigte. Nach dem Füttern nahmen sie beide die Handmühle, den Quirl und malten das Korn zu Mehl.

Das gab guten Appetit zum Frühstück, das wenig abwechslungsreich aus trockenen Erbsen mit einer Sauerkraut- oder Milchsuppe bestand. Danach gings in die Scheune zum dreschen mit dem Dreschflegel. Wenn scharfer Frost war, da die Körner leichter hinausfliegen, sagte der Bauer: "Macht schnell! Heute haben wir einen Drescher mehr".

Auch das Mittagessen war in alter Zeit nicht sehr abwechslungsreich. Erbsensuppe oder Rote Beeten mit Kartoffeln bildeten vielfach die Hauptmahlzeit. Und bei anbrechender Dämmerung nach dem Tagesdrusch wurde schnell das Vieh gefüttert und oftmals zum Abend nur grobes Brot gereicht. Sehr oft wird man sich einen Schnaps am Abend bei Manko oder Teschner, nachmals Ehrlich, nicht habe leisten können. Denn fürs Dreschen tagsüber erhielt der Drescher nicht mehr als 30 Pfennige. -

Die bekannte Gastfreundschaft, die bei uns zu Hause war, verschaffte den Menschen bei aller Härte des Lebens auch fröhliche Tage. Da steht natürlich an der Spitze die Hochzeit. Zu einer großen Bauernhochzeit mußte der Brautwerber hoch zu Roß und geschmückt mit Bändern und Blumen im Paradeanzug von Haus zu Haus reiten und Jung und Alt in wohl gesetztem Reim zur Hochzeit laden. Da ritt er wohl auch öfters mal gleich bis in die Stube hinein. Auf dem Wege zum Kirchdorf aus den Außendörfern fuhren meistens nur die Frauen und Mädchen in den  Kutschwagen. Die Männer, zumal die jungen, begleiteten den Brautzug zu Pferde. Der erste Brautführer ritt voran und mußte an die Grenze der Gemarkung von Groß Rosinsko voraus galoppieren, um der Braut noch vor dem Dorfe den Brauttrunk zu reichen. Hatte er es nicht geschafft, so mußte er die ganze Hochzeitsgesellschaft im Amtskrug freihalten. Vielfach ging es mit großer Musik zur Kirche hin und zurück. Am meisten sollen hierbei die Kurziontker und Krzywinsker geleistet haben. Daß die Hochzeit dann nicht nur an einem Tage gefeiert werden konnte, versteht sich von selbst. -

Bei einem Begräbnis wurde an drei Abenden vor der Beerdigung die Totenwacht gehalten, wozu alle Freunde und Nachbarn eingeladen wurden. Dabei wurde gesungen, Totengebete gehalten und in den Pausen berichtet, was der Verstorbene  im Leben Gutes getan hatte. Um bei diesen ausgedehnten Totenwachen nicht schlapp zu werden, wurde hin und wieder ein Gläschen eingeschenkt. Bei der Begräbnisfeier blieb der Sarg selbstverständlich offen, und fast das ganze Dorf war im Trauerhause versammelt. Ein gute Freund hielt die Abschiedsrede, der Sarg wurde unter Liedern geschlossen und in alter Zeit, als es nur den Friedhof bei der Kirche gab, zur Kirche gefahren. Der Pfarrer segnete den Sarg mit der Leiche vor der Kirche ein, und der Rektor übernahm die Führung bis zum Grabe, wo der Sarg der Erde übergeben wurde. Dann gings zurück ins Trauerhaus, wo oft gegessen und getrunken wurde wie auf einer Hochzeit. -

Das Erntefest hieß »Plon« und wurde auf einigen Höfen bis in unsere Zeit hinein gefeiert. - Wenn der Roggen abgemäht war, wurde ein größeres Bund Roggen aufgestellt. Die Schnitter und Raffer stellten sich herum, sangen geistliche Lieder und zogen die größten Ähren aus dem Bund zu einem Strauß. Das war der Plon, der, mit Blumen und Bändern geschmückt, hernach auf der Festtafel prangte. Nun kamen die Schnitter vor die Tür des Bauern, dem sie den Plon überreichten. Dann wurde zum großen Spaßvergnügen aller Beteiligten die Schnitter von der Bäuerin und den Mägden mit Wasser begossen. Nachdem sie noch einige Schnäpse bekommen hatten, gingen sie, zogen sich um und kamen dann zur Feier. An der Tafel wurde ein Gebet gesprochen, geistliche Lieder gesungen und gut gegessen und getrunken und dann getanzt und gefeiert. - Der Plon wurde aufbewahrt und im Herbst beim Säen im Laken ausgedroschen und als erste Saat in den Boden gelegt, wobei ein Gebet gesprochen wurde. -

Aus Heidnischer Zeit stammt noch so manche Unsitte, die sich mit unserem christlichen Glauben keinesfalls vereinbaren ließ. So meinte man, ein neugeborenes Kind bis zur Taufe beschützen zu müssen, indem man ihm ein Stück Stahl in die Wiege oder ins Bett legte. Beim Austreiben des Viehs auf die Weide legte man ebenfalls ein Stück Stahl auf die Schwelle. Bei der Trauung sollte die Braut dem Bräutigam auf den Rockschoß knien, damit sie Macht über ihn bekäme. Bei Begräbnissen mußte das Leichenwasser hinter dem Sarge vor dem Hofe ausgegossen werden, damit der Tote keine Macht über Haus und Hof habe. Auch mußte dem Toten alles vorschriftsmäßig an Kleidung angezogen werden, damit er das Fehlende nicht hole. - Bei krankem Vieh sollte man donnerstags vor Sonnenaufgang Erde unter der Dachtraufe fortnehmen, darüber beten und damit dreimal das kranke Tier oder die wunde Stelle bestreichen; so wurde das Tier gesund. - Und vom Zaubern und Besprechen, dazu noch im Namen des dreieinigen Gottes, wußte wohl jeder viel zu erzählen. -

Alle diese Verirrungen waren aber meistens da zu finden, wo der Teufel Alkohol sein Unwesen trieb. Es ist wohl noch allen Älteren in Erinnerung, daß in längst vergangenen Zeiten der Kartoffelschnaps manchen Bauern mit seiner Familie von Haus und Hof getrieben hat. - In diesem Zusammenhang mag ein besonderes Getränk erwähnt werden, das wohl nur in unserer Gegend zu Hause war, der sogenannte »Grzianka«. Er wurde als Weinsprit, mit Wasser, das unter Zusatz von Zucker, Fenchel und Nelken gekocht wurde, vermischt, heiß getrunken. -

Gegen den Alkoholmißbrauch, heidnische Greuel, Aberglauben und hier und da beginnende Glaubenslosigkeit erhob sich in den letzten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts eine Opposition, die christliche Gemeinschaft, die man vielfach spöttisch »Gromatker« nannte. Das waren Menschen, die mit der Frage nach der ewigen Seeligkeit Ernst machten. Der Christ sollte als lebendiges Glied seiner Gemeinde wirken, solange es Tag ist; "es kommt die Nacht, da niemand wirken kann". Im Mittelpunkt ihres Glaubens stand die Wiedergeburt und Bekehrung nach ev. Joh. 3: Vers 3. "Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das reich Gottes nicht sehen." In ihren Gebetsstunden wurde nur kniend gebetet nach dem wörtlich genommenen Pauluswort Phil. 2, Vers 10:  "... daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind."

Diese geistliche Bewegung erhielt in unserer Gemeinde ihren ersten Anstoß durch einen frommen Gottesmann, mit Namen Kukat, der aus Preußisch-Litauen kam. Und aus der Gemeinde selbst erwuchs als bedeutenster Prediger der Erweckung der Bauer Chilla aus Nowaken, um den sich eine eigene Gemeinschaft, die sogenannten »Chillaken«, sammelte.

Leider blieben diese Gemeinschaftskreise nicht in sich geschlossen, sondern teilten sich nach der Auffassung von der Strenge, unter der ein Christ sein Leben zu führen habe nach den Weisungen der hl. Schrift. Aber sie haben in ihrer innigen Frömmigkeit  Kraft genug gehabt, diejenigen, die die Heimat verließen und in den deutschen Westen zogen, durch den Glauben vor völliger Entwurzelung zu bewahren; ja, darüber hinaus das Evangelium unter die Bergleute des Ruhrgebiets zu bringen. Auch ein schlichter und entsagungsvoller Dienst, den der deutsche Osten dem Vaterland an gefährdeter Stelle geleistet hat.
 

Nachwort

Diese vorliegende »Kirchenchronik Groß Rosinsko« ist nur ein dürftiges Fragment, das heißt der bruchstückartige Versuch, die noch vorhandenen Erinnerungen an das festzuhalten, was sich mit dem Namen und der Geschichte von Kirche, Dorf und Kirchengemeinde Groß Rosinsko, Kreis Johannisburg (Ostpreußen), verbindet. Der freundliche Leser wolle dabei bedenken, daß dem Verfasser nichts Geschriebenes mehr vorlag, nachdem die Chronik der Kirche und auch die bekannte des alten Jebramzik, wie alles andere, verloren gegangen sind. Daher mußte alles in mühsamer Gedächtnisarbeit zusammengetragen werden. Hierbei danke ich besonders der Hilfe unserer ehemaligen Gemeindemitglieder Johann Olschewski, Adolf Reda, Adolf Jesgarz und Wilhelm Manko und meines Bundesbruders aus der Königsberger Studentenzeit, Oberarchivrat Dr. Erich Weise, Hannover.

Vor Jahren hatte ich schon einmal diese Arbeit in Angriff genommen, weil ich es als letzter Pfarrer von Groß Rosinsko für meine Pflicht hielt, das Wenige zu erhalten, was noch unter uns lebendig ist. Dann aber habe ich die Arbeit, wegen des geringen mir zur Verfügung stehenden Materials kleinmütig geworden, wieder beiseite gelegt. - Nun habe ich es doch aufgeschrieben. Und warum?

Das ist nicht so leicht zu sagen; denn die Antwort wird mir schwer. - Sollten etliche von uns die Heimat wiedersehen, dann soll dieses bescheidene Büchlein eine Brücke schlagen zu der Vergangenheit und Geschichte jener Stätte und Stätten, die wir dann vorfinden. Denn wir würden nicht mehr viel finden, sondern erschüttert vor Ruinen, einem uns fremd gewordenen Lande und der ungeheuren Arbeit eines völlig neuen Anfangs stehen.

Sollten wir aber nicht heimkehren dürfen, so sollen Eure Kinder und Enkel wenigstens ein Bescheidenes wissen und in bleibender Erinnerung behalten von der engsten Heimat und Scholle, darauf ihre Väter und Vorväter geboren und bei Freud und Leid mit schwieligen Händen durch die Jahrhunderte den Segen Gottes von unserer heimatlichen Erde geerntet haben. Ja, sie sollen wissen, daß jene Vorvorderen ihr täglich Brot bewußt und fromm aus Gottes Händen empfangen haben.

Und so möchte dieses Büchlein den Jetzigen und den Kommenden vor allem dazu helfen, mit Ehrfurcht des Landes und der Menschen vergangener Geschlechter zu gedenken, von denen sie ihren Ursprung herleiten.

Den etwa zweihundert Familien aber, die »übrig geblieben« sind aus unserer Gemeinde von damals dreitausend Seelen und mit denen ich noch durch meine Weihnachtsrundbriefe in Verbindung stehe, mag es eine liebevolle Erinnerung sein und Freude bereiten. Und auch allen denen, die unserer schönen ostpreußischen Heimat einen bleibenden Platz in ihrem Herzen bewahrt haben.
 

Daverden, Ostern 1958

Viktor Kühn

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Quelle:
Text auch abgedruckt im Chronik Sammelband Arys - Bialla - Drygallen - Groß Rosinsko
Selbstverlag der Kreisgemeinschaft Johannisburg / Ostpr. 1982, Seite 225-256,

 

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Stand: 21. Januar 2017