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Johannisburg in Ostpreußen

 
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Hermann Sudermann

Die Winterschlacht in Masuren 7. bis 21. Februar 1915
Meine Erlebnisse während des Krieges 1914 - 1915

von Bernhard Hahn
(*)

Schon lange nach Ausbruch des großen Weltkrieges hatte ich auf den Tag gewartet, da ich zum Militär einberufen wurde. Endlich am 5.Oktober 1914 gelangte ich in den Besitz des Gestellungsbefehles. Dank des Entgegenkommens meiner Herren Chefs konnte ich meine Stelle sofort verlassen. Es waren ja auch noch viele Angelegenheiten zu erledigen, denn am 6. Oktober 8 Uhr vormittags mußte ich mich auf dem Bezirkskommando stellen.

Mit Extrazug, im ganzen waren es wohl annährend 500 Mann, wurde mittags 12.15 Uhr die Fahrt nach Lübeck angetreten. Hier hatten wir noch einige freie Tage, d.h. wir hatten keinen Dienst, denn noch jeden Tag trafen neue Rekruten ein. Wir hatten also Zeit, um uns an die Kasernenluft zu gewöhnen.

Nachdem alle Ersatzmannschaften eingetroffen waren und alle Formalitäten wie Einkleidung, Untersuchung, Einteilung usw. erledigt waren, begann am Montag, 12. Oktober, die Ausbildung. Diese war nun darauf gerichtet, uns so schnell wie möglich kriegstüchtig zu machen. Hauptsächlich wurden wir im Schützendienst, Schießen, Marschieren ausgebildet. Nebenher wurden Ehrbezeugungen, Fechten, Zielen und dgl. geübt.

Als Unteroffiziere hatten wir meistens solche der Reserve, der Landwehr oder sogar des Landsturms. Im großen und ganzen haben wir unter ihren Anweisungen eine sehr gute Ausbildungszeit genossen, obgleich der Dienst manchmal sehr schwer war. Schon am 20./21.November hatte ich das Glück, auf Urlaub nach Kiel fahren zu können. Auch die Verpflegung ließ nicht zu wünschen übrig.

Am 14. Dezember 1914 hatten wir Besichtigung durch den kommandierenden General des 9. Armeekorps. Unsere Ausbildungszeit war beendet. Am 15. wurde schon ein Teil eingekleidet. Der Rest wurde neu eingeteilt, und ich kam in die 2. Ersatzkompagnie. Noch am selben Tage mußten wir die Marli(?)-Kaserne verlassen, um den neu eingezogenen Rekruten Platz zu machen.

Wir kamen dann ins Massenquartier nach Israelsdorf, einem Vororte von Lübeck, hübsch im Walde gelegen. Außer einigen Bauernhäusern und Villen sind hier wohl 5 - 6 größere Vergnügungs-etablissements, deren Suiten wurden, da sämtliche Lustbarkeiten verboten wurden, mit Militär belegt. Mit noch 200 Mann wurde ich bei dem Gastwirt Muchs(?) einquartiert. Im Saal wurden 200 Mann untergebracht. Der Wirt hatte auch die Verpflegung mit übernommen und diese ließ viel zu wünschen übrig. Der Dienst bestand hauptsächlich in Märschen und Gefechtsübungen.

Zu Weihnachten konnte ich vom 22. bis 26. Dezember auf Urlaub fahren. Es war mir eine große Freude, daß es mir vergönnt war, das Fest der Liebe im Kreise meiner Eltern zu verleben. Es war dieser Besuch, der letzte, bevor ich ins Feld rückte, und am Sonnabend nachmittag nahte die schwere Abschiedsstunde. Doch auch diese wurde überwunden, und so fuhr ich dann meiner ungewissen Zukunft entgegen.

Der Sylvester 1914 wurde im Massenquartier verlebt. Am 1. Januar war ich bei der Familie Vollstedt, deren Sohn auch in meiner Kompagnie stand. Mitte Januar wurden wieder 100 Mann unserer Kompagnie eingekleidet. Am 13. Januar, der Rest der Kompagnie war gerade auf der Palinger Heide, wurden wir um 10 Uhr durch eine Ordonanz zurückberufen. Es sollten sich 25 Mann freiwillig melden, nach dem Lockstedter Lager. Der Zweck wurde uns nicht bekannt gegeben. Es meldeten sich nicht genug und es mußten noch einige bestimmt werden, zu denen auch ich gehörte.

Wir mußten uns in aller Eile fertigmachen, doch es ging erst um 1/2 4 Uhr nachmittags los. Von Neumünster aus hatten wir einen Extrazug mit zu benutzen. Abends gegen 9 Uhr kamen wir im Lockstedter Lager an. Hier bekam ich gleich einen Begriff, was Dreck ist. Solchen Schlamm und Schmutz hatte ich noch nicht gesehen, doch in Rußland sollte es noch besser kommen. In den nächsten Tagen setzte jedoch schon Frostwetter ein. Ich wurde vorläufig der 9. Komp. des Res. Inf. Reg. 265 überwiesen und in einer Baracke untergebracht. Nach 8 Tagen machten wir keinen Dienst mit und haben da noch schöne Tage verlebt. Endlich am 20. Januar mußte ich mit einem kränklichen Musketier tauschen, der nach Lübeck zurück sollte. Von nun ab gehörte ich auch zu den Feldgrauen und mußte nun wieder Dienst mitmachen, der derselbe war wie in Lübeck. Das Essen war gerade nicht schlecht hier.

Sonst ist das Lockstedter Lager ein einsames Nest. Nur ein paar Häuser stehen an der Straße. Wir sollten so bei kleinem lernen, Entbehrungen zu ertragen und uns allmählich ans Feld gewöhnen. Mir ist es nicht schwer geworden, da ich ja auch in Zivil sehr zurückhaltend gelebt hatte. Am 26. Januar war große Divisionsübung. Der Geburtstag unseres Kaisers wurde in diesem Jahr ruhig und still gefeiert. Morgens war Feldgottesdienst, nachmittags gab`s warmes Essen, 2 Zigarren und Freibier. Auch Walter Schwartz, den ich in Lübeck schon kennengelernt hatte, habe ich hier wieder getroffen.

Am letzten Januar empfingen wir unsere letzten Ausrüstungsgegenstände. Es war nachmittags Appell feldmarschmäßig. Am 1. Februar war der Tag gekommen, wo wir ins Feld rücken sollten. Morgens um 4 Uhr wurden wir geweckt, damit wir alles fertig machen konnten.

Um 10 Uhr war Abmarsch nach Itzehoe, wo wir gegen 12 Uhr ankamen. Der Marsch hatte mich sehr mitgenommen. Es war furchtbar glatt draußen, und dann drückte der Tornister mächtig. Ich war froh, wie wir da waren. Um 2 Uhr erfolgte die Verladung und um 2.20 Uhr die Abfahrt. Gegen 1/2 5 Uhr war der Zug in Langenfelde (vor Hamburg) angelangt. In großen, extra mitten auf dem Rangierbahnhof aufgebauten Holzbaracken, empfingen wir warmes Essen. Gegen 1/2 6 Uhr erfolgte langsam die Durchfahrt durch Hamburg. Die Fahrt dauerte bis abends 1/2 11 Uhr, wo wir in Wittenberge anlangten und Abendbrot bekamen. Schon unterwegs habe ich ein paar Stunden geschlafen. Nachdem alles gegessen hatte und der Zug umrangiert war, gings weiter am 2. Februar.

Zwischen 1/4 4 und 1/2 5 Uhr morgens wurden verschiedene Vororte Berlins passiert. Leider war in der Nacht nicht viel von der Hauptstadt des Deutschen Vaterlandes zu sehen. Um 1/4 vor 6 mußten wir in Straußberg den Zug abermals verlassen, um Kaffee zu empfangen. Die Weiterfahrt erfolgte über die sehr stark befestigte Festung Cüstrin, über Landsberg nach Schneidemühl, wo wir gegen 1.30 Uhr nachmittags anlangten und Mittagessen empfingen.

Die Weiterfahrt erfolgte über Bromberg, Thorn, Goslershausen, Allenstein, Sensburg nach Peitschendorf (Kreis Sensburg). In Goslershausen bekamen wir abends gegen 11 Uhr Abendbrot und auf einer kleinen Zwischenstation zwischen Allenstein und Sensburg am 3. Februar morgens 5 Uhr Kaffee. In Peitschendorf mußten wir morgens 1/4 vor 11 unseren Zug verlassen.

Die 2-tägige Fahrt ist ohne Unglück verlaufen, und die Zeit ist mir nicht lang geworden. überall wurden wir stürmisch begrüßt. Auf der ganzen Strecke, die wir durchfahren sind, lag Schnee. Schon vor Bromberg konnten wir öfters starke Feldbefestigungen, wie Schützengräben, Drahtverhaue und dgl. feststellen. Je weiter wir nach dem Osten kamen, desto öfter sahen wir solche Befestigungen.

Von Peitschendorf (Kreis Sensburg) erfolgte um 1/2 12 der Abmarsch nach Lawnilassek (lt. Karte: Lawnilassel / ab 1938: Altkelbunken, Kreis Sensburg), wo wir gegen 3 Uhr anlangten und dort auf einige Tage Quartier bezogen. Schon auf diesem kleinen Marsche bekamen wohl alle eine kleine Ahnung, welche Strapazen uns wohl noch bevorstehen würden. Wir marschierten nämlich auf einer wenig benutzen Straße entlang, und der Schnee hatte oft eine ziemliche Höhe. Bis halb an die Knie steckten wir manchmal drin. Dazu hatten wir noch unseren Mantel angezogen. Wir waren bald alle in Schweiß geraten.

Nachdem wir uns in Lawnilassek (ab 1938: Altkelbunken, Kreis Sensburg) ordentlich ausgeruht hatten, gingen wir daran, uns Essen zu kochen, da unsere Feldküche noch nicht heran war. Durch Eingreifen unseres Zugführers hatten wir uns noch am selben Tage von der Scheune, in der wir zuerst lagen und in welcher es sehr kalt und zugig war, ins Wohnhaus einer Arbeiterfamilie einquartiert. Dank des Entgegenkommens der Bewohner haben wir uns gutes Essen bereiten können. Wir haben uns hier die beiden Tage nochmal ordentlich satt essen können. Auf dem nahen See waren Fischer beschäftigt, und wir haben uns da billige Fische besorgt, die uns die Frau gebraten hat. Unsere Feldküche und Bagage war inzwischen auch herangekommen.

Von unserer Kompagnie, die auf dem ganzen Gut verteilt lag, wurden von den einzelnen Zügen Posten aufgestellt, und alle Stunde eine Patroullie über den See nach dem nahen Wald geschickt. Zweimal bin ich mit auf einer solchen gewesen. Es ereignete sich nichts besonderes. Hier hörten wir den ersten Kanonendonner.

Von den anderen Quartieren waren einige Kameraden auf Jagd gegangen und manch einer hatte sich im Wald einen Rehbock erobert und somit sich und seinen Kameraden einen schönen Braten besorgt. Wir in unserem Quartier waren in dieser Beziehung noch leer ausgegangen, und am 5. 2. nachmittags beschlossen Unteroffz. Schlottow und Bez trotz des Verbotes, uns nicht zu weit zu entfernen, da wir jeden Augenblick alarmiert werden konnten, auch einmal ihr Weidmannsheil zu versuchen.

Gefr. Niehusen und ich gingen auch mit. In weiten Zwischenräumen gingen wir, mit unserem schönen Infantriegewehr unterm Arm im Walde vor. Es dauerte nicht lange, und wir hatten uns verloren. Unteroffz. Schlottow und ich waren allein und versuchten weiter unser Glück. Wildspuren sahen wir genug, doch kein Stück kam uns vor die Flinte. Nach 1 1/2 - 2 Stunden beschlossen wir heimzukehren und gingen dem Waldausgang entgegen. Wie groß war aber unser Erstaunen, als wir das Ende des Waldes erreicht hatten. Statt des langen Sees hatten wir eine Hügellandschaft vor uns. Wir erstiegen nun einen solchen Hügel und hielten Umschau. Vom See war nichts zu sehen. Wir hatten uns also verirrt und waren durch den Wald hindurchgegangen.

Vor uns lag ein Dorf, und wir beschlossen, uns da zu erkundigen. Nun ist dieses besser gesagt als getan, da die Bewohner vielfach Polnisch (Anm. gemeint ist hier masurisch) sprechen und auch diejenigen, die Deutsch können, uns schlecht verstanden und wir sie auch nicht verstanden. Endlich hatten wir jemanden gefunden, der uns Auskunft geben konnte. Er lud uns noch ein zu einer Tasse Kaffee, die wir dankbar annahmen. Wir betraten sein Haus, freundlich begrüßt von seiner Familie und einer Anzahl von Verwandten, die aus den von den Russen besetzten Gebieten geflohen waren. Alle freuten sich, uns einen Dienst zu erweisen. Sofort wurden einige Pfannkuchen gebacken, und bald saßen wir am gedeckten Tisch und bekamen Pfannkuchen und tranken Kaffee. Beides schmeckte uns vorzüglich, zumal der Hunger auch nicht fehlte.

Leider mußten wir das gastliche Haus bald wieder verlassen. Da es bereits anfing, dunkel zu werden, und wir noch einen langen, unbekannten Weg vor uns hatten. Paarmal haben wir uns noch verlaufen und sind einmal noch quer durch den Wald gegangen. Endlich hatten wir den See erreicht, und bald waren wir wieder in unserem Quartier und waren froh, daß noch alle da waren. Auch unsere anderen Jagdgenossen waren kurz vorher eingetroffen, hatten aber auch nichts erreicht. Auf den Rehbraten mussten wir also verzichten.

Am Sonnabend, dem 6. Februar, morgens 6 Uhr marschierten wir ab und trafen mittags gegen 1 Uhr in Kl. Kurwien (Kr. Johannisburg) ein, wo wir Quartier bezogen. Wieder ging der Weg durch hohen Schnee und ich war dermaßen schlecht zu Mute, daß ich meinen Tornister der Bagage übergeben hatte. Hier bekamen wir Essen aus der Feldküche und 1/2 Brot.

Hier im Quartier hatten wir einige Ulanen, die abwechselnd auf Patroullie ritten. Der Feind war nicht mehr weit. Es kam der Befehl, höchste Gefechtsbereitschaft, d. h. wir durften nur den Tornister abhängen. Selbst bei Nacht wurde nicht abgeschnallt. Mit dem Gewehr im Arm, dem Tornister unterm Kopf wurde geschlafen. Am anderen Morgen um 7 Uhr gings weiter. Es war ein schöner Sonntagmorgen. Fast den ganzen Tag sind wir durch große Tannenwälder marschiert. Den ganzen Tag über hörten wir Kanonendonner aus der Richtung Johannisburg. Um 1/2 11, meine Gedanken weilten gerade bei meinen Angehörigen zu Hause, hörten wir mehr Gewehrfeuer. Es wurde im Walde gehalten, und es kam der Befehl "Laden, sichern". Von jetzt ab hatten wir unser Gewehr stets geladen. Mittags gegen 1 Uhr gab es Essen, das uns allen köstlich schmeckte.

Gegen 2 Uhr verließen wir auf längere Zeit den Wald, und wir bekamen jetzt ein ganz anderes Bild zu sehen. Während wir bis hierher noch wenig von den Verwüstungen der Russen gesehen hatten, sahen wir jetzt nur abgebrannte Dörfer in der ganzen Umgebung. Schon von weitem sieht man kleine Schornsteine aufragen, als wenn man ganz in der Ferne eine große Fabrikstadt sieht. Kommt man näher, so sieht man, daß man es mit einem abgebrannten Dorf zu tun hat.

Die Häuser sind hier nämlich ganz aus Holz gebaut. Meistens sind unten eine Küche und 3 Zimmer, von denen oft 1 bis 2 als Lagerraum und dgl. dienen. In den Ecken, wo die Zimmer gegeneinanderstoßen, ist die Heizvorrichtung angebracht. In der Küche sind noch die alten offenen Herde. Oft steht noch ein kleiner Ofen daneben. Die Öfen in den anderen Räumen sind meistens direkt in der Wand eingemauert. Wenn man in solch einem Raum steht, sieht man bloß eine Kachelwand, die den Ofen andeutet. Scheinbar wurden die ganzen Stuben durch einen großen Ofen, dessen Wände in den einzelnen Zimmern liegen, auf einmal geheizt; denn in den Quartieren, in denen ich gewesen bin, war es überall warm. Die ganzen Öfen und der Herd haben einen gemauerten Schornstein, der dann beim Abbrennen des Hauses alleine stehen bleibt.

Ein abgebranntes Dorf macht durch die vielen derartigen Schornsteine, die aus den mit schneebedeckten Trümmern hervorragen, einen eigentümlichen Eindruck. Ab und zu ist ein Haus stehen geblieben, das aber von den Bewohnern verlassen ist.

Wir sind dann den ganzen Sonntag mit wenigen Unterbrechungen durchmarschiert, bis wir abends gegen 8 Uhr in einem großen Wald Halt machten. Vor uns hatten wir einen Fluß zu überschreiten. Die Übergänge waren vom Feinde besetzt. Nachdem wir ca. 2 Stunden im Walde in der großen Kälte gewartet hatten, marschierten wir ins nächste Dorf zurück. Es war Schiast (später: Schast / Kr. Johannisburg) und ebenso, wie alle Dörfer hier, fast vollständig abgebrannt.

Nachdem wir hier gegessen hatten, mußten wir Zelte aufschlagen. Auf dem Felde standen noch einige Heudiemen. Auf dem Schnee wurde dann Heu ausgebreitet, und wir legten uns um 12 Uhr nachts zur Ruhe. Ein eiskalter Wind ging selbst durch das Zelt durch. Ordentlich warm wurden wir nicht. Da wir aber alle von dem langen anstrengenden Tag müde waren, schliefen wir bald ein. Wir hatten uns wie die Heringe zusammengepökelt. Als wir am anderen Morgen 6 Uhr aufstanden, waren unsere Glieder zuerst alle steif. Wieder hörten wir Kanonendonner, der aber viel stärker und auch näher war.

An diesem Tage wurde ich mit zur Begleitmannschaft beim Sanitätswagen des III. Batallions kommandiert. Gegen 9 Uhr ging`s los. Wieder pfiff ein eiskalter Wind, der immer stärker wurde und abends zum Sturm überging. Der Sturm ging durchs dickste Zeug bis auf die Haut durch. An diesem Tage habe ich furchtbar gefroren. Dann hatte ich nichts zu essen. Das Brot war alle.

Bald nach unserem Abmarsch kamen wir an einen Fluß (Anm. Pissek). Die Brücke war gesprengt. Für die Fußtruppen hatten die Pioniere schon einen Übergang geschaffen. An der Brücke für Fuhrwerke wurde mit allen Kräften gearbeitet. In der Richtung der von uns fortmarschierenden Truppe hörten wir Gewehrfeuer. Nach einigen Stunden war die Brücke fertig, und wir konnten weiterfahren.

In Königsthal (Kr. Johannisburg), das natürlich auch vollständig zerstört war, sah ich die ersten russischen Gefangenen, die vom Regiment 264 gemacht waren. Es waren fast alle große, kräftige Kerle, die alle frohe Gesichter machten. Anscheinend freuten sie sich, von ihren Truppen weg zu sein. Erst nachmittags stießen wir zu unserer Kompagnie, wo wir Essen erhielten. Vorläufig war es das letzte. Doch bald mußten wir unser Batallion wieder verlassen, da wir erst die Artillerie vorbeilassen mußten.

Als wir nachher mit unserer Bagage über eine Höhe kamen, konnten wir vor uns ein Inf. Reg. im Feuer sehen. Es war das Inf. Reg. 266, das eine Höhe besetzt hielt und von den Russen stark beschossen wurde. Hier sah ich die ersten Schrapnells (Anm: Splittergeschoss der Artillerie) in der Luft platzen. Einige Leichtverwundete begegneten uns. Die Sanitäter und Krankenträger gingen nach vorn, und bald wurden Schwerverwundete vorübergetragen.

Wir kamen jetzt nur langsam vorwärts, da andauernd Artillerie vorbeigelassen werden mußte. Der Weg ging jetzt über große Koppeln hinweg. Der Weg war fast unpassierbar. In dem hohen Schnee blieben die Wagen und Geschütze oft stecken. Vielfach wurden die Schlittenkufen angewendet, mit denen fast alle Geschütze und sonstige Wagen ausgerüstet waren.

Inzwischen war der Feind zurückgeschlagen worden und wurde andauernd verfolgt. Die Infanterie kam viel schneller vorwärts als die Artillerie, und so kamen wir immer weiter von unserer Kompagnie ab. Bei der Bagage war uns bekannt, daß in dem nächsten größeren Dorfe unser Batallion Quartier bezogen hätte. Ich wurde daher von unserem Feldwebel vorgeschickt, um nachzusehen, wo unsere Kompagnie lag. Die war jedoch schon weiter vorgegangen. Unser Feldwebel war auch schon vorgegangen. Er beschloß nun, im Dorfe auf die Bagage zu warten.

In einem Laden, der sonst von den Russen ganz ausgeraubt war, erhielten wir umsonst heißen Kaffee. Die Russen hatten hier beinahe 1/4 Jahr gelegen. Lebensmittel und dgl. hatten sie natürlich alles verzehrt. Ausnahmsweise hatten sie nichts abgebrannt. Am vorhergehenden Tage waren die Russen vertrieben.

Es dauerte noch ziemlich eine Weile, bis die Bagage da war. Es war inzwischen 2 Uhr nachts geworden. Bald ging es weiter. Bei Tagesanbruch (9. 2. 1915) langten wir endlich in Bialla (später: Gehlenburg / Kr. Johannisburg) an, wo das Batallion Quartier bezogen hatte. Nach langem Suchen hatte ich meine Kompagnie gefunden.

Um 6 Uhr legte ich mich mit hungrigem Magen auf den Boden in einer Ecke schlafen. Ich schlief zwar bald ein, aber wegen der großen Kälte stand ich schon um 8 Uhr wieder auf, um mich unten in den warmen, aber sehr voll Rauch befindlichen Stuben zu wärmen. Da der Abmarsch erst gegen Mittag erfolgen sollte, ging ich etwas in die Stadt.

Viele Häuser waren abgebrannt. An verschiedenen Stellen brannte es noch. Die hübsche alte Kirche war nur etwas beschädigt. In ihr hatte man die gefangenen Russen untergebracht. Überall lagen Munition, Tornister und sonstige Gebrauchsgegenstände der Russen umher.

In dieser Stadt hatten die Russen furchtbar gehaust. Fast sämtliche Läden waren erbrochen und ausgeplündert. Die Spiegelscheiben waren eingeschlagen. Türen lagen auf der Straße. Betten, Möbel und dgl. waren auf die Straße geschleppt. Die Bahnhofsanlagen waren vollständig zerstört, ebenso das Postgebäude. Die Briefmarkenautomate lagen erbrochen auf der Straße. Die Telephon- und Telegraphendrähte waren heruntergerissen. Kurz und gut, alles war zerstört.

Von der hier für einen Augenblick haltenden Artillerie habe ich mir ein Stück Brot erfochten, da ich einen furchtbaren Hunger hatte. Es war jedoch bloß wie ein Tropfen auf einen heißen Stein.

Hier verließ uns der Zugführer vom 3. Zug, der zur Begleitung eines Gefangenentransportes abkommandiert war. Liebenswürdiger Weise nahm er unsere Postsachen mit, da die Post doch noch nicht ging. Ich habe ihm meinen ersten Brief an die Heimat mitgegeben.

Gegen Mittag ging es weiter, ohne was im Magen zu haben. Bald nachdem wir die Stadt verlassen hatten, erhielt die Bagage den Befehl, in einem Walde in Deckung zu gehen. Endlich hatten wir den Feind vor uns.

Ein deutscher Flieger kreiste über uns. Langsam ging es weiter; bald auf der Fahrstraße, bald gings seitwärts auf den Feldern nebenher, da die Straße oft mit mannhohem Schnee verweht war. Selbst die Artillerie mußte durch den tiefen Chausseegraben hindurch. Man mußte sich tatsächlich wundern, wie es möglich war, die schweren Geschütze, die mit 6 Pferden bespannt waren, durchzubringen. Die Pferde versanken bis an die Brust im Schnee. Bald ging es wieder auf die Straße zurück; bald wieder auf die Felder. Manchmal blieb auch ein Geschütz im Graben stecken, kam aber immer wieder heraus. Mitten auf dem Feld stand unser General, an dem wir vorbeimarschieren mußten. Er sagte etwa: "Guten Morgen, durchhalten, feste drauf, in ein paar Tagen sind wir fertig, dann gibt`s Ruhe." Mit lautem "Jawohl" antworteten wir. Gewiß waren alle von uns in freudiger Stimmung, hieß es doch auch, wir kommen heute noch ins Gefecht.

Bald sahen wir auch vor uns Schützen sich entwickeln. Die Artillerie ging an beiden Seiten der Chaussee in Deckung. Es dauerte nicht lange, und die ersten Granaten wurden den Russen entgegengesandt, die das Feuer bald erwiderten. Auch Gewehrfeuer drang an unser Ohr. Ein verirrtes Geschoß sauste direkt über unsere Köpfe hinweg und ging eben hinter der Chaussee in den Sand. Alle schauten sich um. Dann wurde es wieder still. Nur von ganz vorn hörten wir das Feuer.

Langsam ging es vorwärts. Bald mußten wir längere Zeit warten, bald wurde wieder ein kleines Stück marschiert. Einige Leichtverwundete kamen von vorn zurück. Die Krankenträger gingen mit ihren Tragbahren nach vorne, um die Schwerverwundeten zu holen.

Gegen 4 Uhr kamen wir durch das Sulimmen (Kr. Johannisburg) hindurch, und kurz hinter diesem bekamen wir Befehl zum Angreifen. Zunächst bogen wir von der Chaussee ab. Bald wurden wir von russischer Artillerie beschossen. Die Schrapnells gingen alle zu weit und krepierten mit lautem Knall in der Luft. Jedesmal kamen immer 2 Stück ganz kurz hintereinander. Zuerst war uns allen, die wir zum ersten Mal ins Gefecht kamen, eigentümlich zumute; konnte doch jeden Augenblick ein Schrapnell bei uns einschlagen. Sobald wir über eine höher gelegene Stelle kamen, machten wir Laufschritt. Die Russen schossen, aber immer zu weit, und das beängstigende Gefühl schwandt. Auch erwiderte unsere Artillerie bald das Feuer.

Hinter einer Strohscheune gingen wir in Deckung, um uns von hier aus zu entwickeln. Das Dach der Scheune reichte bis zur Erde herunter. Auf dem Dach krochen wir so dicht wie möglich zusammen. Immer noch gingen die Schrapnellgeschosse über uns hinweg. Schon von weitem hörten wir sie durch das eigentümliche Zischen oder Surren in der Luft ankommen. Teilweise konnten wir sogar den Abschuß hören. Es ging immer regelmäßig: Bumm, bumm .... tsch ---- ratsch. Deutlich konnten wir die Schrapnellstücke zur Erde fallen sehen. Glücklicherweise gingen die Geschosse immer zu weit.

Eine ganze Weile ging es so weiter, bis die Dunkelheit hereingebrochen war. Nun mußten wir uns entwickeln. Vorher kam noch der Befehl: "Seitengewehr aufpflanzen". Der 1. Zug schwärmte zuerst aus. Mit ganz weiten Zwischenräumen. Dann mußte der 2. und zuletzt der 3. Zug einschwärmen. Dann ging es vorwärts dem Feind entgegen. Oft sackten wir bis an die Hüften im Schnee ein. Plötzlich erhielten wir Feuer. Wir legten uns alle sofort hin. –

Ich bekam heute meine Feuertaufe. Zuerst war es mir doch etwas unheimlich zu Mute, wie die Kugeln an mir vorüberflogen. Doch das beängstigende Gefühl legte sich bald. Gewiß hat jeder vorher wohl eine gewisse Angst. Mir ist es auch so ergangen. Manche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Konnte es doch die letzte Stunde sein. Zunächst dachte ich an Zuhause. Gewiß sitzen Vater und Mutter am Tisch in der warmen Küche und essen Abendbrot. Ob sie wohl jetzt an mich denken. Ahnen sie, daß ich jetzt im Gefecht bin und jeden Augenblick den Tod vor Augen habe. Noch viele andere und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Es waren schwere Stunden für mich, doch ich wußte mich auch in gutem Schutz. Ein kurzes Gebet und alle Angst war vorbei. Ich war vollkommen ruhig geworden, ja ich kann wohl sagen, daß ich mit einer gewissen Gleichgültigkeit den kommenden Dingen entgegensah. Es war für mich wirklich nicht mehr so schlimm. Ich hatte ja einen starken Trost. Ich hatte es mir früher viel schlimmer vorgestellt, wenn man so in ein Gefecht kommt. –

Bald kam der Befehl: "Sprungweise vorgehen". Der Gruppenführer, ein Unteroffizier oder Gefreiter ruft: "Achtung, meine Gruppe macht gleich einen Sprung". Dann nach einer Weile: "Gruppe so u. so ------ auf, marsch, marsch". Blitzschnell ist alles hoch und läuft dann, so schnell wie jeder kann, 20 bis 30 Schritt vor, bis es heißt: "Stellung". Dann legt sich alles wieder hin.

Natürlich hatten wir alle unsere Tornister auf, und es ist nicht so ganz einfach, schnell hochzukommen, zumal noch im losen Schnee. Der Schnee war freilich übergefroren, stellenweise lief man ein ganzen Stück drüber weg, bis man auf einmal wegsackte und dann natürlich hinfällt.

Immer dichter kamen wir an den unfaßbaren Feind heran. Zuerst hatten wir keine Verwundeten, da plötzlich schreit einer auf, der 1. Verwundete. Doch unaufhaltsam geht es weiter vor. Dabei waren die ganzen Kompagnien durcheinandergeraten, da immer wieder welche einschwärmten. Einige Teile des Batallions lagen weiter vorne, einige weiter zurück, einige kamen sogar von der Seite. Wir mußten daher andauernd Signale durch unsere Hornisten geben lassen, damit wir nicht von unseren eigenen Truppen beschossen wurden.

Je näher wir an den Feind herankamen, desto stärker wurde sein Feuer. Plötzlich setzte er auch noch mit Maschinengewehren ein, jetzt pfiffen die Kugeln einem man so um die Ohren. Die meisten gingen über unsere Köpfe hinweg. Ein eisiger Wind wehte. Das Feuer erwiderten wir nicht, da wir keinen Feind sahen. Es wäre doch bloß nutzlose Munitionsverschwendung gewesen.

Endlich waren wir dicht genug an das Gut "Drygallen" (später: Drigelsdorf) heran, das nun im Sturm genommen werden sollte. Es war gegen 8 Uhr abends. Mit Hurrarufen gings drauflos. Wie wir nun heran waren, sahen wir, daß das ganze Anwesen von einem hohen Bretterzaun umgeben war. Ein paar Kolbenschläge und wir brachen uns ein Loch, und rein ging`s auf den Hof. Sofort ging`s in die Häuser hinein. Doch wie groß war unser Erstaunen, dass wir keinen Russen fanden.

Dicht hinter den Häusern verlief ein russischer Schützengraben und durch den sind sie alle entkommen. Es wurde jedoch erzählt, daß vom Dache einige Russen auf uns geschossen hätten, die nachher gefangen genommen worden sind. Ob`s wahr ist, kann ich nicht behaupten, da ich es nicht gesehen habe.

Unsere Verluste waren sehr gering. Wir hatten in unserer Kompagnie einen Toten, einige Schwer- und Leichtverwundete. Leider waren auch 2 Zugführer verwundet. Mein Zugführer hatte einen Querschläger in den Oberschenkel erhalten. Mein Unteroffizier hatte ihn verbunden, und wir haben ihn nachher, auch die anderen Verwundeten ins Gehöft getragen.

Unser Hauptmann war auch krank geworden und hatte unsere Kompagnie verlassen müssen. Wir hatten nun bloß noch einen Leutnant als Kompagnieführer. Am anderen Tage verließ der uns auch noch. Einige sagten wegen Krankheit, andere, er sei zur Fliegertruppe kommandiert. Wir bekamen dann einen anderen Leutnant als Kompagnieführer.

Doch nun zurück zum Gutshofe. Nachdem alles durchsucht war und wir nichts gefunden hatten, mußten wir unsere Seitengewehre an Ort bringen, d.h. es wurde vom Gewehr abgenommen und in die Scheide gesteckt. Da unsere Kompagnie weiter keinen Befehl zum Angreifen hatte, beschloß unser Leutnant, die Nacht auf dem Gehöft zu verbringen.

Das Gehöft wurde wohl bis gegen Mitternacht von dem Russen aus dem Schützengraben beschossen. Wir hörten immer wieder das Aufschlagen der Geschosse in den Mauern der Scheunen. Dessen ungeachtet suchten wir uns im Dunkeln in einer Scheune Schlafplätze. Es durfte kein Licht angemacht werden.

Im Dunkeln kletterte ich über die niedrigen Holzwände hinweg. Ich war in einem Schweinestall gelandet, nahm meinen Tornister ab und setzte mich auf den kalten Steinen, mit dem Rücken gegen eine Wand gelehnt, nieder. Die Zeltbahn diente als Decke. Durch die großen Anstrengungen der vorhergehenden Tage waren wir alle todmüde, und bald waren wir im Schlaf versunken. Das Feuer der Russen auf uns kümmerte uns nicht. Natürlich hatten wir Posten ausgestellt. Ich war glücklich, daß ich nicht dazugehörte und schlafen konnte. Manchmal wachte ich auf infolge der großen Kälte. Schließlich habe ich mir im Dunkeln etwas Stroh besorgt. Aber viel wärmer wurde es nicht.

Am anderen Morgen 6 Uhr stand ich auf. Um 7 Uhr ging es zurück nach Sulimmen (Kr. Johannisburg), wo sich unsere Kompagnie sammelte. Auf dem Wege dorthin passierten wir das Gebäude, wo die anderen Kompagnien vorgesprungen waren. Hier hat es mehr Verluste gegeben, und ich sah die ersten Toten liegen. Welche hatten das Gesicht in den Schnee gesteckt, andere lagen auf dem Rücken, andere auf der Seite. Durch die große Kälte waren die Gesichter arg entstellt. Ein schrecklicher Anblick, gar nicht zu beschreiben. Sehr bedauert habe ich hier die armen Verwundeten, die stundenlang ohne jegliche Hilfe daliegen mußten. Wieviele mögen nicht aufgefunden sein und sind so erfroren.

Leider habe ich die traurige Erfahrung gemacht, daß sowohl in diesem wie auch in dem 2. Gefecht, welches ich mitgemacht habe, sich kein Sanitäter oder Krankenträger bei uns sehen ließ. Erst, wenn sie außer Gefahr waren, kamen sie heran. Auch einige tote Pferde lagen am Wege. Ja, hier zeigte sich der Krieg mit all seinem Elend.

In Sulimmen sammelte sich die Kompagnie. Die Sonne schien vom Himmel. Hier bekamen wir endlich 1/2 Brot und Speck, das gleich gierig verschlungen wurde, denn wir waren ausgehungert. In dem teilweise zerstörten Dorf, fanden wir noch auf einem Boden Platz, wo wir wenigstens etwas gegen die Kälte geschützt waren, denn es sollte erst gegen Mittag weitergehen.

Hinter einer Mauer machten wir uns dann Feuer an und kochten uns Kaffee, der uns ordentlich wohl tat, denn wir hatten die ganzen Tage auch nichts zu trinken gehabt. In der Feldflasche war freilich Kaffee, aber in gefrorenem Zustand. Den größten Durst löschten wir, indem wir Schnee aßen. Manchmal kamen wir auch an einem Brunnen vorbei oder an einem aufgeschlagenen See, wo wir uns dann einen Trinkbecher Wasser holten, trotzdem es uns wegen der Typhusgefahr verboten war.

Gegen 1 Uhr erfolgte der Weitermarsch nach Kollnisch-Rakowen (später: Raken (Kr. Johannisburg). Wir mußten nochmals das Schlachtfeld passieren. Man war schon dabei, die Gefallenen zu begraben. Die Ausrüstungsgegenstände, wie Tornister, Koppel, Gewehre usw. lagen auf einem Haufen an der Chaussee. Sofort waren einige dabei, die Sachen nach Nahrungsmitteln und sonstigen Sachen, wie Wäsche und Wollsachen zu durchsuchen. Ich habe mich nicht daran beteiligt, obgleich ich gerne einen anderen Mantel gehabt hätte. Meiner war nur sehr dünn, es war ein Extramantel. Ganz in der Nähe lag ein Gefallener, den Mantel gerollt in dem Tornister. Einen Augenblick überlegte ich, holst Du dir den Mantel oder holst du ihn dir nicht, schließlich sagte ich mir, den Mantel eines Toten anzuziehen, nein, das bringst du nicht fertig. Lieber behälst du deinen dünnen Mantel, und ich habe ihn dann behalten. Das Durchsuchen der Sachen wurde auch bald verboten.

Bald kamen wir an den russischen Schützengraben heran, der stark befestigt war und gut ausgebaut war. Wir sahen da die Unterstände der Mannschaften, mit Stroh gefüllt. Nur liegen diese entgegengesetzt wie unsere Unterstände, nämlich an der rückwärtigen Seite des Grabens, während unsere stets nach der Seite liegen, die dem Feinde gegenüberliegt. Letzteres ist jedenfalls vorteilhafter, hauptsächlich beim Schießen der Artillerie. Deutlich konnten wir die Stellen sehen, wo unsere Geschosse eingeschlagen waren. Zahlreiche tote Russen lagen im Graben.

Im Schützengrabenbauen sind die Russen auf der Höhe. Sie hatten sogar eine Art Schießscharten eingebaut. Durch die hohe Brustwehr hatten sie offene Holzkasten gesteckt, wodurch sie dann ihre Gewehrläufe hindurchlegten. An anderen Stellen hatten sie Sandsäcke übereinander gelegt. Jedesmal zwischen 2 Säcken blieb ein Zwischenraum für die Gewehre, an anderen Stellen wieder waren Steine in ähnlicher Weise aufgebaut. Manchmal habe ich auch Schützengräben gesehen, die unter aller Kanone waren, nur flüchtig ausgeworfen.

Auch die Unterstände sind sehr gut angelegt, mit Bohlen und einer hohen Erdschicht bedeckt. Später habe ich welche gesehen, wo sogar die Wände mit Brettern ausgeschlagen waren.

Alles mögliche hatten die Russen in diesem Schützengraben zusammengeschleppt. Teile von Herden, Möbelstücke, Tische, Stühle, Matratzen, Teppiche, Decken usw. Sonst sah es in dem Schützengraben böse aus. Schmutz lag haufenweise darin, dazwischen Gewehre, Rucksäcke, Mäntel, Patronen, Artilleriegeschosse usw. usw. alles durcheinander. Mitten dazwischen lagen die toten Russen.

Auf beinahe unbefahrbaren Wegen ging es weiter. Zahlreiche Russen, Pferde, Ausrüstungsgegenstände lagen an beiden Seiten. Nur langsam kamen wir vorwärts. Gegen 3 Uhr hörten wir Gewehrfeuer. Vor uns war ein heißes Gefecht im Gange. Stundenlang hörten wir schon Kanonendonner.

Bis Dunkelwerden machten wir auf der Chaussee halt. Offenbar lagen wir in Reserve. Wir haben wohl 2 bis 3 Stunden auf der Chaussee gestanden. Wieder wehte der eisige Wind, der durch das ganze Zeug hindurchging. Die Stiefel waren durch das viele Gehen im Schnee durchgeweicht. Die Strümpfe waren naß. Durch das lange Stehen waren die Stiefel steif gefroren. Ich konnte nachher die Füße kaum bewegen. Wir setzten uns auf unseren Tornistern nieder und duselten vor uns hin. Bald war ich halb im Schlaf, bald wachte ich wieder auf. Nach Ablauf der Wartezeit gingen wir durch das Dorf Kollnisch-Rakowen (später: Raken / Kr. Johannisburg) hindurch. Auf einer Koppel schwärmten wir uns.

Inzwischen hatte es auch noch angefangen zu schneien. Und der Wind trieb uns die Schneekörner immer ins Gesicht. Wir mußten uns auf einer Anhöhe hinlegen. Kein Mensch wußte, was los war. Das eigentliche Gefecht, das noch immer im Gange war, lag ganz rechts von uns. Nachdem wir wohl 1 Stunde so gelegen hatten, gingen wir zurück. Auch beim Liegen mußte ich mich mit Gewalt wachhalten, so müde war ich. Der Wind war so stark, dass man seinen Nachbarn beim lauten Sprechen kaum verstehen konnte. Man mußte alles anspannen, um was zu verstehen, denn es ist ja von großer Wichtigkeit, daß der Befehl richtig durchkommt.

In dem vorerst genannten Dorfe bezogen wir auf einem Heuboden und einer großen Stube Quartier. Es war schon 11 Uhr. Unser Zug kam in die Stube zu liegen. Da war es sehr kalt. Die Tür war herausgenommen. Außerdem waren auch noch einige Fenster entzwei. Mein Unteroffizier und ich gingen dann zum 1. Zug auf den Heuboden, wo wir uns warm einpackten und auch bald einschließen. In der Nacht mußte der 2. Zug auf Feldwache. Auch davon wurden wir dann glücklicherweise verschont. Es wurde zwar auch auf den Boden gerufen: 2. Zug sofort auf Feldwache. Na, die können lange rufen. Laß sie uns man holen.

Am anderen Morgen 11.2.1915 6 Uhr mußten wir schon wieder raus. Um 6.20 Uhr sollte es schon weitergehen. Wir dachten, na, die Sache kann ja gut werden, schon wieder mit hungrigem Magen weiter. Schon 2 Tage hatten wir nichts gehabt. Die wenigen Vorräte, die ich noch hatte, waren schon in Bialla verzehrt. Von den Bewohnern war auch nichts zu holen, da die selbst nichts hatten. Die Russen hatten alles mitgenommen. Unsere Bagage konnte infolge der schlechten Wege auch nicht so schnell ..........

Hier ist das erste Tagebuchheft (von insgesamt sieben) zu Ende. 
Die anderen sechs Hefte sind leider vernichtet worden.

Bernhard Hahn kam am 26.9.1916, verwundet durch eine Minensplitterverletzung, in Gefangenschaft.

(Kursiv-Texte in Klammern wurden als Ergänzung von Werner Schuka vorgenommen)

Bernhard Hahn

 

Johann Fritz Bernhard HAHN wurde am 17. November 1894 in Kiel geboren und erhielt die Kleinkindtaufe am 23. Dezember 1894 in Kiel.

Er heiratete am 16. März 1922 Erna Gertrud Stiehlau. Sie wurde am 19. April 1903 in Graudenz / Westpreußen geboren. Sie starb am 14. Juli 1988 in Reppenstedt

Johann Fritz Bernhard HAHN starb am 25. Juni 1932 in Kiel und wurde auch dort bestattet. Er war beschäftigt als Bürovorsteher, Buchhalter und Prokurist.

Familienbild mit den beiden Kindern und Ehefrau, 1930
Erna Gertrud Hahn (geb. Stiehlau) mit Johann Fritz Bernhard Hahn
in der Mitte die
Kinder: Reinhold Günter und Helmut Bernhard

Quelle:
Iris Dumrese (geb. Hahn), Lüneburg
(iris@dumrese.de), 2002,
weitere Informationen unter Ahnenforschung Dumrese und Hahn (
www.dumrese.de)
Copyright © Iris Dumrese - mit freundlicher Genehmigung für Schuka.EDV

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weitere Informationen:
Stahlgewitter - Das Archiv zum ersten Weltkrieg, (www.stahlgewitter.com/);
Ostpreußen unter russischer Herrschaft,
"Frankfurter Zeitung", 26. Oktober 1914;
Erlebnisbericht von Hans Sczuka über die Gefangenschaft in Rußland 1914;
Augenzeugenbericht aus Drygallen über die Ereignisse im August 1914.

Familienforschung
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Stand: 01. Januar 2020